Mittwoch, 31. August 2016

Flucht in ein sicheres Leben

Gelungene Anthologie zu einem heiklen Thema



 von Hrsg. Thorsten Exter & Alfons Th. Seeboth


Broschiert: 350 Seiten
Verlag: Wölfchen Verlag
ISBN-13: 978-3943406610
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren
Genre: High-Fantasy

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In dieser Anthologie sind 22 ganz unterschiedliche Kurzgeschichten zum Thema Flucht zusammengetragen. Doch so real und erschreckend auch der Hintergrund ist, es handelt sich bei diesen Geschichten durchweg um Werke aus dem Bereich der High-Fantasy. Auch wenn die Parallelen zur aktuellen Zeitgeschichte gewollt und teils schwer zu übersehen sind, so bleibt es doch jedem Leser selbst überlassen, ob er einen Bezug zur Realität herstellen will oder einfach nur die Vielfalt dieser Anthologie genießen mag.

Die Geschichten sind eindringlich und berührend, machen nachdenklich und erschüttern, doch es gibt auch immer wieder Lichtblicke und Hoffnungsschimmer, so dass nicht nur die Protagonisten, sondern auch der Leser immer wieder aufatmen kann. Mal steht die Flucht im Vordergrund, mal die Ängste, das Leid und die Not der Flüchtenden. Doch auch diejenigen, die um Hilfe ersucht werden, bekommen eine Stimme und ihre Gedanken, Hoffnungen und Sorgen werden geschildert.

In den meisten Geschichten ist der Fantasyanteil sehr gut eingewoben. Es besteht kein Zweifel, dass wir uns in phantastischen Welten bewegen, aber dennoch wirken die Geschichten authentisch, ganz unabhängig davon, dass wir Elfen und Orks, Menschen, Drachen und weiteren Märchen- und Sagengestalten begegnen.

In vielen Geschichten gibt es Überraschungen und nicht alle Wesen handeln so, wie es meist in der Fantasywelt üblich ist. So kommt die Hilfe - ebenso wie bei uns - manchmal von einer Seite, von der aus man sie am wenigsten erwarten hätte. Vorurteile werden aufgebrochen und hinterfragt und der Leser wird indirekt immer wieder aufgefordert, sich selbst eine Meinung zu bilden, zu handeln und nicht wegzusehen.

Bei so unterschiedlichen Geschichten, die mal düster, mal dramatisch, dann wieder voller Hoffnung oder auch einfach nur aufrüttelnd sind, haben mir nicht alle gleich gut gefallen, doch das ist für eine Sammlung von Geschichten ja normal. Auf einige Geschichten möchte ich gerne genauer eingehen, da ich sie entweder sehr gelungen und/oder einfach sehr besonders fand.

In „Raols Reise“ von Lila Lestrange war es für mich sehr eindringlich beschrieben, wie ganz normale Menschen plötzlich aus ihrem Leben gerissen werden und völlig vom Krieg überrascht werden. Von jetzt auf gleich ist alles anders und die eigenen Möglichkeiten etwas zu tun sind sehr beschränkt.

In Tamara Schadts „Elfenmohn“ hat es mir sehr gefallen, dass über niemanden ein Urteil gefällt wird - weder über die hilfesuchenden Elfen, noch über die Menschen, die helfen oder auch die Hilfe ablehnen.

Besonders gelungen war für mich die Geschichte „Nebelsee“ von Stefan Schweikert. Ich hatte beinahe das Gefühl, selbst mit auf dem Schiff zu sein und die Unruhe unter den Matrosen und Söldnern hautnah mitzuerleben. Vor allem das Ende hat mich überzeugt. Nur zu gerne hätte ich hier weitergelesen.

Der Verlauf der Geschichte „Das Ende der Unschuld“ von Bianca Peiler ist beklemmend und macht nochmals deutlich, dass die Schrecken des Krieges nicht vor dem einfachen Volk, vor den Alten und Schwachen Halt machen und dass jeder betroffen sein kann.

Eher spannend als berührend war Nikolaj Kohlers Werk „Der letzte der Sieben“, doch es zeigt sehr anschaulich, dass Vorurteile nie gut sind, egal ob man jemanden oder etwas in den Himmel lobt oder verflucht. Die Wahrheit kann stets anders sein.

Ähnlich ist es bei Ulf Fildebrand. Sein Protagonist muss in „Von Orks und Menschen“ lernen, dass Orks nicht gleich Orks sind und sie sich ändern können. Niemand in dieser Geschichte ist eindeutig schwarz oder weiß und lässt sich so einfach in eine Schublade stecken.

Fabian Dombrowskis Beitrag „Zeit sich zu erheben“ hebt sich allein durch seinen Stil von den restlichen Geschichten ab. Der Leser wird direkt angesprochen und es wird an ihn appelliert etwas zu tun. In dieser Geschichte stellt sich mir die Frage, wie weit man gehen darf, um die Leute aufzurütteln. Der Sprecher will, dass die Leute sich erheben. Ein hehres Ziel - doch kann und will er das friedlich erreichen?

Zuletzt möchte ich noch Anna Eichenbach erwähnen. Ihre Geschichte, „Der Garten der tanzenden Sterne“, ist trotz aller Schrecken vor allem zum Ende hin Märchenhaft und ich mochte die Geschichte sehr.

Mein Fazit: Ich denke, dass jeder Leser in dieser Anthologie eine Geschichte finden wird, die ihn persönlich berührt, unabhängig davon, ob er regelmäßig Fantasy liest ist oder nicht. Das heikle Thema Flüchtlinge wird meines Erachtens nach gut aufgegriffen und gerade die vielfältigen Blickwinkel und Sichtweisen machen nachdenklich und zeigen, wie wichtig es ist, sich erst einmal ein genaues Bild zu machen, bevor man vorschnell urteilt.