Montag, 14. November 2016

Wir sehen uns am Meer – von Dorit Rabinyan


Eine Liebe mit Verfallsdatum



Autor: Dorit Rabinyan
Sprecherin: Luise Helm
Format: Audio CD
Verlag: Argon Verlag;
Auflage: 1 (11. August 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3839815002
ISBN-13: 978-3839815007
Preis: 16,99 €


Das Buch „Wir sehen uns am Meer“, ein Werk der israelischen Schriftstellerin Dorit Rabinyan, ist nicht unumstritten und in Israel sogar ein Politikum. Gerade solche umstrittenen Werke üben einen ganz besonderen Reiz auf mich aus. Dazu kam die Chance, der Geschichte als Hörbuch zu lauschen, eingelesen von der erfahrenen Sprecherin Luise Helm.
Äußerst bemerkenswert finde ich, dass das Werk in Israel zunächst als Schullektüre vorgesehen war, was mich bei diesem Thema sehr verwunderte. Anfang des Jahres wurde es dann allerdings vom israelischen Erziehungsministerium wieder von der Liste der Schullektüren heruntergenommen, da der Inhalt als bedrohlich für die israelische Identität eingestuft wurde. Nach diesem Skandal war ich umso gespannter auf die ungewöhnliche Liebesgeschichte um die Protagonisten Liat und Chilmi.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Liat in retrospektiver Betrachtung. Die jüdische Endzwanzigerin Liat lebt eigentlich im israelischen Tel Aviv, ist nun aber für sechs Monate in New York und wohnt dort in der Wohnung von Freunden. Liat hat eine ältere verheiratete Schwester mit Kind, zu der sie ein enges Verhältnis pflegt. Ihre Eltern sind wertekonservative Juden, die aus dem Iran stammen und vor Liats Geburt die „Alija“ vollzogen.
Liat trifft durch einen weiteren Freund eher zufällig auf den palästinensischen und zwei Jahre jüngeren Maler Chilmi. Chilmi wuchs in Ramallah und Hebron, in den besetzten Gebieten des Westjordanlandes, auf. Er ist eines von sieben Kindern, die trotz der Lebensbedingungen im besetzten Gebiet offensichtlich äußerst weltoffen und liberal sowie bildungsnah erzogen wurden.

Liat und Chilmi werden trotz der trennenden ethnischen Wurzeln ein Liebespaar. Da Liats Aufenthalt durch ihr Visum begrenzt ist und sie ohnehin nicht vor hat, dauerhaft in Amerika zu bleiben, sondern die Rückkehr nach Israel für sie in Stein gemeißelt ist, handelt es sich aber um eine Liebe mit klar definiertem Verfallsdatum. Hierbei ist bemerkenswert, dass die Liebe zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser für Liat eigentlich ein No-Go ist und sie ihre Beziehung zu Chilmi vor ihrer Verwandtschaft und den mehr oder weniger strenggläubigen Juden in ihrem Bekanntenkreis zu verheimlichen versucht, während Chilmi völlig offen und selbstverständlicher damit umgeht.

Ebenso interessant und kontrovers sind die teilweise etwas naiven Diskussionen der beiden über den Nahostkonflikt und dessen Befriedung. Auch hier zeigt sich Chilmi eher weltoffen-liberal und kompromissbereit, während Liat recht radikal-konservative Meinungen vertritt. Es kommt dabei unweigerlich zu Konflikten. Vor allem als Chilmi von seinen Erfahrungen in israelischer Gefangenschaft berichtet und Liat an ihre Zeit als Soldatin denkt.

„Ja, nicht wahr, wie bei der Hamas, mit der Kalaschnikow und dem Koran (….) Ist das nicht das gleiche faschistische Szenarium: Soldaten mit Gewehren und heiligen Büchern?“

Später kommt es sogar zu einem Konflikt mit Chilmis Bruder, der zu Besuch kommt und Liat scheinbar bewusst provoziert. Hier ist Liat spürbar empört, dass Chilmi sie nicht unterstützt.

Während des gesamten Hörbuches hatte ich das Gefühl, dass Liat Chilmi nicht verdient. Sie genießt die Liebe und Zuneigung des fürsorglichen und sympathischen Chilmis, ist aber absolut nicht kompromissbereit. Sie verleugnet und verrät ihre Liebe zu dem Palästinenser in meinen Augen sogar. An der ein oder anderen Stelle kann ich ihren inneren Konflikt zwar verstehen, in Summe halte ich sie aber für opportunistisch und feige. Und so blieb mir die Liebe zwischen den beiden ungleichen Partnern bis zum Schluss ein Rätsel. Aber so ist es schließlich auch im wahren Leben – zwei Menschen fühlen sich zueinander hingezogen, der eine gibt mehr, der andere gibt weniger, was aber die Liebe ausmacht, bleibt unfassbar.
Das für mich überraschende Ende hallt nach und macht mich nachdenklich.

Das Hörbuch als solches ist in Summe sehr gut von Luise Helm eingelesen. Bekanntermaßen punktet sie mit ihrer Erfahrung und ihrer von Natur aus angenehmen Stimme. An den Betonungen, der Stimmmodulation, der Lautstärke und der Sprechgeschwindigkeit erkennt man den Vollprofi. Allerdings irritierte mich an ein paar Stellen die Aussprache der arabischen Begriffe, die auf mich etwas übertrieben und künstlich wirkten. Ich selber spreche zwar kein Arabisch, empfand die Aussprache aber als unnatürlich. Ob ich damit richtig liege, sei einmal dahin gestellt.

Fazit:
Sehr besondere aber eigentümliche Liebesgeschichte um zwei junge Menschen, die nicht nur in Hinblick auf ihre ethnischen Wurzeln, sondern auch aufgrund ihrer moralischen Wertevorstellungen extreme Gegenpole sind, die sich magisch anzuziehen scheinen. Hierdurch bekommt der Israel-Palästina-Konflikt sehr persönliche, teilweise subjektive Züge, was ich aber sehr bereichernd finde.