Mittwoch, 26. April 2017

Neues aus Nian

Wie versprochen, gibt es heute eine Geschichte aus der Feder von Paul M. Belt zu lesen, dem Autor der Geschichten aus Nian. In "Landwandlerin", dem zweiten Buch der Reihe, ist die junge Dila, Tochter eines hochrangigen Eichenreiters, die Hauptfigur. Schon im Buch gibt es eine Geschichte, die Dila erzählt, und hier kommt nun eine weitere. 
Viel Spaß beim Lesen wünschen Euch der Autor Paul M. Belt und natürlich auch die Mädels von nichtohnebuch.

Mondfischer

Wie jeden Abend saß ein Fischer am Ufer seines Gewässers und betrachtete die Farben des Abendhimmels. Es war ein Frühlingstag im Winter gewesen und der Sonnenuntergang zauberte bernsteinfarbene, grüne, hellblaue und natürlich sonnengelbe Streifen an den verblassenden Abendhimmel. Der Fischer wusste genau, wenn es dunkel wurde und der Mond aufging, war die beste Zeit, seine Angel auszuwerfen. Der Mond war sein bester Freund. Bei seinem Licht zu fischen und ihn zu betrachten hatte etwas Meditatives, und auch der Mond schien sich sehr über seine Kontemplation zu freuen.
Eines Tages nun, es war Neumond, bemerkte der Fischer, wie sehr er an diesem Abend den Mond vermisste. Er fühlte eine große Leere in sich. Wo war sein sanftes Strahlen? Da kam ihm eine Idee und er sagte zu sich selbst: „Ich bin ein Fischer, ich kann fangen, was immer ich will.“ Und so geschah es, dass er, als sich am nächsten Tag eine zarte Sichel über dem Horizont zeigte, mit der Angelrute weit ausholte, so weit wie niemals zuvor. All sein Sehnen legte er in diesen einzigen Wurf. Und der Haken flog und flog, bis er den Mond erreichte.
Ein gewaltiges Hochgefühl überkam den Fischer. Rasch holte er die Schnur ein, und als der Mond schließlich direkt vor ihm war, umfing er ihn mit seinen Armen und drückte ihn fest an sich. „Nun bist du mein“, dachte er, „du kannst jetzt Tag und Nacht für mich scheinen!“
Der Mond jedoch erschrak sehr. Er entwand sich dem Griff, sagte „Gute Nacht“ und ging, so schnell er konnte, unter. Schlagartig wurde es dunkel um den Fischer, seine Angel, sein Ufer und sein Haus. Entsetzt fand er sich in einer unbeschreiblich dunklen Ödnis wieder, die sich noch leerer anfühlte als diejenige bei Neumond. Blind stolperte er durch die Nacht, Tränen rannen ihm über das Gesicht. Wie er schließlich sein Haus fand, wusste er nicht mehr.
Auch der Sonnenschein des nächsten Tages konnte die Dunkelheit nicht aus seinem Sinn vertreiben. Fast verrückt vor Sehnsucht vergaß der Fischer zu essen. Es gab ja auch nichts, was er hätte essen können, denn er hatte am Vorabend ja keinen Fisch gefangen. Er vergaß, wer und was er war und irrte hin und her, wartete auf das Nahen des Abends. Er sah nicht das Farbenspiel des Sonnenuntergangs, hörte nicht das Singen des Gewässers. Der Mond jedoch erschien nicht am Firmament. Als es ganz dunkel war, zur finstersten Zeit, stellte er sich schließlich ans Ufer und begann zu schreien. Ein Meer aus Tränen ergoss sich aus seinen geschlossenen Augen. Aber dann schließlich, als er alles herausgelassen hatte, öffneten sie sich wieder, und mit erstickter Stimme fing er an zu sprechen:
„Für mich ganz allein wollte ich dich haben. Dabei weiß ich doch, dass dein Licht für alle ist. Nun habe ich alle Wesen deiner beraubt. Wie kann man nur so dumm sein, ist das nicht lächerlich! Es tut mir so leid!“
Von hinter dem Horizont vernahmen seine Ohren eine leise Antwort: „Mein Licht ist für alle und für dich. Aber ich selbst bekomme es von der Sonne und gebe es weiter, so wie es mir gegeben ist. Du bist ein Fischer, auch du teilst den Fang, den das Wasser dir gab, mit den Deinen und sogar mit der ganzen Welt, denn Gutes geht nicht verloren – außer man sperrt es ein. Jedes Geschenk der Liebe wird durch Begehren zerstört.“
Da sah der Fischer das Leuchten der Sterne und hörte den Gesang der Wellen. Und er sah eine dünne Sichel hinter dem Horizont aufgehen, die sein Herz in neuer Weise erleuchtete. In dieser Nacht fing er mehr als jemals zuvor. Ächzend von der Last brachte er die gefüllten Gefäße in seinen Schuppen. Später, als er eingeschlafen war, streckte er im Traum seine Hand aus und berührte sanft die ferne Sichel. Und ein Strahl weichen Lichts streichelte liebevoll seine Stirn. „Wie fern ich auch sein mag, du wirst mich nie verlieren“, sagte die Stimme des Mondes.
(von Dila Jalobak, Schülerin und Wandlerin aus Bursiga im Mittelland) 



Hier  geht es zur Geschichte "Das Veilchenblatt"