Mittwoch, 7. Juni 2017

Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt

Wie stellt Ihr Euch eigentlich so ein Autorenleben vor? 

Für mich waren AutorInnen immer Künstler, die ich um ihr Talent beneidet habe. Ich dachte, sie befinden sich auf der Sonnenseite des Lebens. Es muss doch toll sein, Bücher zu schreiben und sozusagen für die Nachwelt weiterzuleben.

Seit ich einige AutorInnen persönlich kennengelernt habe, weiß ich, dass längst nicht alles Gold ist, was glänzt.  Es gibt durchaus auch Schattenseiten. Der Blick auf die Verkaufszahlen bringt Ernüchterung, vor allem wenn man als Self Publisher unterwegs ist. Dazu kommen die unzähligen Raubkopien, die den Autorenverdienst ebenfalls schmälern. Wer kann heutzutage wirklich vom Schreiben leben? 
Wenn ich mir vorstelle, wie viele Stunden vonnöten sind, um ein Buch zu vollenden, wie oft gelöscht und umgeschrieben wird. 
Dann ist das Werk endlich voller Stolz vollbracht. Cover und Titel müssen passen und die Leserschaft ansprechen. 
Frust macht sich breit, wenn das Buch nicht den gewünschten Erfolg bringt und da ist immer dieser Traum vom ultimativen Bestseller. Wird es dieses Mal klappen?  

Mit der Autorin Christiane Lind verbindet uns inzwischen eine große Freundschaft. Wir mögen ihre Bücher.

Letztens hat sie ein Buch vor dem Hintergrund des Untergangs der Titanic geschrieben, kurze Zeit später Titel und Cover verändert, weil es bei der Leserschaft nicht ankam. 

In einem sehr persönlichen Interview verrät uns Christiane, dass ihr Autorenleben eben nicht immer rosarot und himmelblau ist.

Ein sehr persönliches Nichtohnebuch-Schlagwort-Interview mit Christiane Lind...

Buchautorin zu sein bedeutet... viel zu wenig Zeit zu haben, Freundinnen und Familie zu vernachlässigen, weil man mit den Figuren im Kopf lebt und sich nicht von ihnen trennen will, und jeden Anruf oder Besuch als Ablenkung oder Zeitfresser begreift. Es ist nicht leicht, mit Autorinnen befreundet oder verheiratet zu sein oder sie als Katzpersonal zu haben.

Der Weg von der Idee bis zum Buch... ist bis zur Mitte die reine Freude. Dann erwischt einen der sogenannte Midtext-Blues und man zweifelt an allem: der Geschichte, dem eigenen Talent, den Figuren, dem Buchmarkt. Da erwischen eine Fragen wie: „Braucht die Welt noch ein Buch? Und wenn ja, muss es von mir sein?“
Oft denke ich auch: „Wirklich eine tolle Idee, kann die bitte jemand schreiben, der besser ist als ich!“
An dieser Stelle tauchen alle auf, die kein Mensch braucht: die innere Kritikerin, der Selbstzweifel, die Faulheit, die Angst vor Erfolg, die Angst vor Misserfolg …
Da muss man durch, aber es macht jedes Mal keine Freude.Schreiben braucht vor allem Durchhaltevermögen.

Die  Inspiration zu Deinem neuen Buch kam.... schon vor Jahrzehnten. Meine Mutter hat „Das Beste aus Reader’sDigest“ abonniert (Kennt das noch jemand außer mir?) und ich habe die Hefte verschlungen. So wie alles aus Papier. 
Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich einen Bericht über den Untergang der Titanic gelesen habe. Schon damals hat mich die Tragik der vielen verpassten Chancen ergriffen. Die unglaublich „Was wäre, wenn“-Möglichkeiten, die in der Geschichte enthalten sind, so dass ich viel darüber gelesen habe.

Faszination Titanic... Einfach die Dramatik, die im Untergang des Schiffs liegt. Dieses unglaubliche Tragik und die Verkettung so vieler unglücklicher Umstände, die dazu führten, dass so viele Menschen sterben mussten.
Als Soziologin finde ich außerdem den Mikrokosmos Titanic faszinierend: den schier unglaublichen Reichtum der ersten Klasse, wo 13-gängige Menüs serviert worden, auf der einen Seite – und auf der anderen Seite die großen Erwartungen und Hoffnungen, die die Passagiere der dritten Klasse mit an Bord brachten.
… und natürlich die Mythen, die sich um das Schiff ranken: sei es die Geschichte der Musikkapelle, die bis zum Untergang spielte, oder die von Isidor und Ida Straus, die lieber gemeinsam in den Tod gingen als sich zu trennen.  

Deine wahrscheinlichste Untergangstheorie... eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber auch eine Technik, die zu groß war. So führte die Titanic die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl von Rettungsbooten mit, was aber nicht ausreichte, weil es derart riesige Schiffe noch nicht einmal als Idee gab, als die Gesetze verabschiedet wurden.
Es gibt so viele „was wäre, wenn“ Situationen:
Was wäre, wenn der Funker nicht geschlafen hätte …
Was wäre, wenn den Reisenden der Ernst der Lage früher bewusst gewesen wäre …
Was wäre, wenn die See nicht so still gewesen wäre …
Was wäre, wenn das Schiff nicht versucht hätte, dem Eisberg auszuweichen …

Du recherchierst vorab... ewig lange und oft viel zu tief, aber ich liebe es, mich in Fakten zu vergraben und immer wieder etwas zu entdecken und etwas (für mich) Neues zu lernen. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht alles in Buch packe, nur weil ich es so spannend gefunden habe.

Dein nächstes Buchprojekt ... spielt in der heutigen Zeit in meinem Lieblingsland und wird unter Pseudonym erscheinen, so dass ich nichts darüber verrate. Mal ganz zu schweigen davon, dass ich abergläubisch bin und lieber nicht über unfertige Projekte spreche. 

Das fertige Buch... ist nie wirklich fertig, weil ich immer noch Wortwiederholungen entdecke und eigentlich jedes Mal wieder von vorne beginnen möchte, sobald das letzte Wort geschrieben ist oder noch einen oder zwei Monate überarbeiten möchte …
Wenn ich mir nicht selbst Deadlines durch Termine mit Lektorin und Korrektorin setzen würde, würd ich nie fertig.

Titel- und Coversuche... klappt manchmal superschnell. Das Cover von „Im Land des ewigen Frühlings“ hatte ich mir ganz, ganz anders vorgestellt, aber der erste Entwurf von Sarah von Covermanufaktur hat mich umgehauen. Trotzdem habe ich noch ein paar Änderungen gewünscht, weil das einfach dazugehört. 😏
Bei der Titanic-Geschichte hingegen war beides unglaublich schwer. Der erste Titel war okay, aber ehrlicherweise auch nicht mehr. 
Das Cover gefiel mir sehr, aber kam bei den Leserinnen leider nicht so gut an. Die Suche nach etwas Neuem gestaltete sich schwer, weil Sarah und ich beide am alten Cover hingen und weil es nur wenige Bilder in den Datenbanken gab, die  für die Zeit und die Geschichten passend waren. Daher mussten wir lange suchen. Jetzt sind es 14 Bilder auf 37 Ebenen in 5 Gruppen, hat Sarah gesagt. (Klingt bedeutend, oder)

Träume … dass jedes Buch viele Leserinnen anspricht und ihnen eine schöne Zeit beschert, sie eintauchen lässt in den Zauber, den nur das geschriebene Wort mit sich bringt.
(Okay, ein Bestseller wär auch nicht schlecht. Ich hab den Musekatern versprochen, dass sie Minkas Kachelbett bekommen, sollte das neue Buch unter die Top 50 bei Amazon kommen.)


Wenn sich das Buch nicht gut verkauft ... ist das nächste Buch ein Risikoprojekt, weil Cover, Lektorat und Korrektorat bezahlt werden müssen, auch wenn der Roman noch kein Geld verdient hat. Da Schreiben für mich kein Hobby ist, sondern Zeit, die ich für meinen Brotberuf nicht aufwenden kann, kann ich mir rote Zahlen nur begrenzt leisten,
(Ja, liebe Nicht-Käuferinnen, das ist eine schlecht verhohlene Drohung.)
Das ist unschön, aber richtig leid tut es mir um die Geschichte und die Figuren, denen ich viele Leserinnen wünsche, weil ich nur über das schreibe, was mich interessiert und fasziniert. 
… und es gibt kein Minka-Kachelbett für die Rentner-Katergang – unser Ältester ist 17 Jahre, der Jüngste auch schon 12. In Menschenjahren sind das 83 und 64 Jahre.

Ein eBook zum Preis von 0,99,- ... es ist schon bitter, die eigene Arbeit, in der viel Zeit, Recherche, Liebe und Energie steckt, zu einem Preis anzubieten, für den man nicht einmal einen Kaffee bekommt. Aber so ist der Markt nun einmal, und Jammern hilft leider nicht. 
0,99 € sehe ich als Marketing- und Einstiegspreis, was zwar nicht schön ist, aber eben auch nur eine begrenzte Zeit. 

Zusammenarbeit mit den Verlagen... ist für mich erst einmal nicht mehr interessant, weil ich die Freiheit des SelfPublishing mag. Weil ich alles entscheiden kann: vom Titel über das Cover bis hin zum Marketing.
Das hat natürlich auch eine Kehrseite, nämlich die Verantwortung für alles zu tragen und mit Geld in Vorleistung gehen zu müssen.
Aber zum Glück bin ich nicht allein, sondern arbeite mit wunderbaren Menschen zusammen, wie euch von NichtohneBuch, meiner Coverdesignerin, den Lektorinnen und auch Kolleginnen, die mich unterstützen.
Außerdem bin ich ein viel zu ungeduldiger Mensch, als dass ich die langen Zeiten zwischen Manuskriptabgabe und Veröffentlichung ertragen könnte, die  in den meisten Verlagen üblich sind. Da können vom Vertragsabschluss bis zur Veröffentlichung schon einmal zwei Jahre vergehen …

Self-Publishing... habe ich in den Anfängen sehr kritisch betrachtet, aber sehe es inzwischen als wahnsinnig große Chance und entdecke immer wieder tolle Autorinnen und Autoren.
Sicher, es ist nicht leicht, bei der Vielfalt und Vielzahl von Neuerscheinungen seinen Platz oder seine Nische zu finden, aber das ist es bei Verlagsbüchern auch nicht. Und nichts ist frustrierender als Tausende von Büchern in einer Buchhandlung zu entdecken, nur eins nicht – das eigene.