Dienstag, 1. November 2016

Special zu Tod am Nord-Ostsee-Kanal


Ihr habt ein Buch gelesen, das Euch begeistern konnte und fragt Euch: „Wie mag wohl der AutorIn eine solche Geschichte entwickelt haben? Welche Höhen und Tiefen gab es zu überwinden, bis das Buch in der Endfassung fertiggestellt war?“ So ging es mir bei dem Historischen Krimi „Tod am Nord-Ostsee-Kanal“. Meine Rezension könnt ihr hier nochmal nachlesen. Letztens hatte ich die Gelegenheit, Anja Marschall persönlich einige Fragen zu ihrem Buch zu stellen. Wir werden Euch in nächster Zeit noch weiteres „Bonusmaterial“ liefern. Bleibt also gespannt.

Außerdem war emons so nett, uns ein Verlosungsexemplar des Buches zur Verfügung zu stellen. Dieses wird am Ende der Aktion verlost (im Dezember). Um es zu gewinnen, haben wir uns eine interessante Aufgabe ausgedacht. Macht ein Foto des Buches in Eurer Buchhandlung, postet es uns auf Facebook, Pinterest, Instagram oder Gooogle+ und schickt uns den Link mit Angabe der Buchhandlung, in der das Foto entstanden ist. Viel Erfolg bei der Coverjagd.


Hauke ist ja ein sehr spezieller Charakter: unangepasst, eckt lieber an und hat einen unbändigen Forscherdrang. Gab es ein Vorbild für ihn?
Ja und nein. Ja, weil mir eine illustrierte Ausgabe des „Schimmelreiters“ von Th Storm vor einigen Jahren in die Finger kam. Der dortige Held (Hauke Hajen) hatte da das gewisse etwas, wo ich als Frau nicht weggucken konnte, … wenn ihr versteht, was ich meine. Ich habe das Bild aus dem Buch in einem kleinen Video zu „Tod am Nord-Ostsee-Kanal“ verarbeitet. Ansonsten könnten mein Hauke und ich Geschwister sein. Diplomatie liegt uns nicht und wir schätzen Wahrheit mehr als alles andere. Das mag mit unserer Unfähigkeit zusammenhängen, die Zwischentöne im menschlichen Gebaren richtig einschätzen zu können. Nicht umsonst hatte Hauke sich als Berufsort das Meer ausgesucht. Dass er heute an Land Mörder und Verbrecher jagt, verlangt dem schweigsamen Mann eine Menge ab. Aber für Sophie tut er so manches.

Du leitest bei beiden Hauke-Krimis die Kapitel mit historischen Zeitungsausschnitten ein. Nicht immer ist die Verbindung zum Inhalt des Kapitels klar – soll es die überhaupt geben und wonach richtet es sich, welchen Du jeweils nimmst? Entscheidest Du das selber oder das Lektorat? Steht zuerst das Kapitel oder der Zeitungsausschnitt?
Erst hatte ich tatsächliche Ausschnitte aus der Kanalzeitung von 1894 gesucht, die etwas mit dem Kapitel danach zu tun haben könnten. Doch dann habe ich gemerkt, dass das den Leser völlig verwirren könnte, weil die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verwischt wird. Also habe ich Zeitungsausschnitte genommen, die keinen direkten Bezug zum fiktiven Text haben, aber einen authentischen Einblick in das damalige Leben geben.

Gab es ein Kapitel,  was ursprünglich anders geplant war?
Einige. Die Gratwanderung, die es zu meistern galt, lag darin, ein höchst unattraktives Setting (matschige Furche zwischen zwei Meeren) als Kulisse interessant zu halten. Gleichzeitig musste eine Geschichte erzählt werden, die die komplexe Geschichte der Kaiserzeit nicht überbetont, aber trotzdem auch dem ungeübten Leser ein stimmungsvolles Bild im Kopf schenkt.

Wenn Du ein Kapitel geschrieben hast, merkst Du dann, ob es gelungen ist?
Es gibt Kapitel, die mir persönlich am Herzen liegen. Zumeist sind es Kapitel, die ich als Film im Kopf nicht wieder loswerde. Da ist zB die Szene, wie Hauke einer flüchtenden jungen Frau hinterherjagt, die durch den Sturm rennt. Möwen, Böen, Wasser, Schilf, Panik, Schuld. Herrlich. Ein Bild, bei dem ich zu gerne zum Pinsel greifen würde, um es zu malen. Aber leider habe ich in diesem Bereich keine ausgeprägten Talente.

Wie kritisch bist Du mit Dir selbst?
Ich muss mich zwingen, nicht zu kritisch zu sein. Grund: Wer zu kritisch ist, bekommt ein Buch niemals fertig. Ich vertraue also sehr auf meine Testleser, meine Lektorin, den Verlag. Ansonsten versuche ich von Buch zu Buch besser zu werden. Mehr Spannung, schönere Sätze.
Wie reagierst Du, wenn ein Lektor von Dir verlangt eine ganze Passage umzuschreiben?
Wenn das Argument gut ist, dann mache ich es. Ich habe aber gelernt, dass man nicht jedes Wort eines Lektors auf die Goldwaage legen sollte. Was der eine Lektor scheußlich findet, liebt der andere Lektor. Lektoren sind ja auch nur Menschen. Ebenso wie Leser.

Schreibst Du lieber Storys für den anspruchsvollen Leser oder bevorzugst Du die Variante für "jedermann"? Besser gefragt, wie stehst Du zu der Problematik, dass sich ein Buch besser verkaufen lässt, wenn es möglichst einfach geschrieben ist?
Sehr gute Frage. Ich denke, dass es falsch für mich wäre, dem verkaufbaren Mainstream nachzujagen. Sprachlich wie auch inhaltlich. Warum? Weil andere das besser können. Ich habe mal zwei Bücher geschrieben, wo man mich bat, „Jedermann“ zu bedienen, sprachlich wie auch inhaltlich „in die Fläche“ zu gehen. Ich habe es nicht geschafft, weil ich nicht wirklich weiß, wer „Jedermann“ eigentlich ist. Wer ist der „Mainstream“? Um mich sicher zu fühlen, schreibe ich für mich. Ich weiß, was ich mag und was nicht. In der Annahme, dass ich einigermaßen „normal“ bin, hoffe ich, dass das, was ich gut finde, auch von anderen gut gefunden werden könnte. Ich teile also mit meinen Lesern meine Vorstellung von einem guten Buch. Dass nicht jeder meinen Geschmack, meine Art zu Schreiben oder meine Art Dinge zu sehen teilt, ist dabei völlig okay.
Ich würde sagen, dass meine Leser einerseits anspruchsvoll sind, wenn es um die Charaktere, die Zeit und die Spannung geht. Andererseits verstecken sie sich aber nicht hinter pseudokomplizierten Sätzen. Sie verstehen, dass Sprache etwas Lebendiges ist, dass Gefühle, Fakten, Spannung und Geschichten trägt. Sprache, die inhaltsleer daherkommt und sich selbst genügt, ist mir suspekt. Worte um der Worte willen? Nicht meine Sache.


Wie recherchierst Du gerade die historischen Hintergründe?
So intensiv, wie es geht. Mein erstes historisches Hauke-Buch kostete mich 2 Jahre Recherchezeit. Gelernt habe ich: Man darf nicht alles recherchieren! Recherche muss geplant werden. Erst die Geschichte im Kopf haben, dann die historischen Fakten klären, dann die Geschichte überarbeiten, um Fakten und Fiktion aufeinander abzustimmen, dann alles von Profis checken lassen und ggf bearbeiten. Heute benötige ich nur noch 6 Monate für einen historischen Krimi.

Wie viele Coverentwürfe gab es?
Einen. Und der ist klasse geworden! Ich bat den EMONS-Verlag, das Cover des 2. Hauke-Sötje-Bandes an den ersten Band „Fortunas Schatten“ anzupassen. Das erste Cover bekam damals einen Preis. Kann also nicht so falsch gewesen sein. 😊

Warum lag so viel Zeit zwischen dem ersten und zweiten Buch? War der zweite Teil von Anfang an geplant oder haben Deine Leser darum „gebettelt“?
Band 1 erschien in einem kleinen Frankfurter Verlag. Der Verlag entschied damals, dass eine andere Ausrichtung – hin zu britischen Krimis – wirtschaftlicher erfolgreicher sein könnte. Und so schrieb ich erst einmal zwei Brit-Crimes, statt meinen Hauke weiter ermitteln zu lassen. Gleichzeitig aber wollten die treuen Fans ihren Hauke wiedersehen. Da mich dieser Mann ebenfalls nicht los ließ und ich zu dem ständig neue Ideen für stimmungsvolle Fälle zwischen Nord- und Ostsee habe, entwickelte ich die Reihe weiter. In meiner Schublade sind derzeit drei weitere Hauke-Sötje-Fälle und es juckt mich in den Fingern, diese zu schreiben. Wenn „Tod am Nord-Ostsee-Kanal“ für den Verlag wirtschaftlich ein Erfolg ist, bin ich mir sicher, werden die Fans auch einen dritten Band bekommen können. Hauke und ich jedenfalls machen gerne mit. 😉