Freitag, 24. Juli 2026

Der Totengräber und der Orden des Teufels

 



ISBN : 9783864932670
Taschenbuch : 544 Seiten
Verlag : Ullstein extra
Erscheinungsdatum:25.06.2026
Genre : Historischer Krimi 

Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG) 

 

 

 

Das Auge der Vorsehung

 

Wien 1896: „Inspektor Herzfeld, glauben Sie an den Teufel? Es sieht nämlich so aus, als wäre Satan persönlich in Wien aufgetaucht.“ (S. 31)

Im Haus der ehemaligen Schauspielerin Sophia von Tatten soll ihr Sohn Ferdinand eine Teufelsanbetung durchgeführt haben, bei der ein rituelles Menschenopfer dargebracht wurde. Das Opfer ist Pauline Bellheimer, die Tochter der Nachbarn. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten, Zunge und Herz wurden entfernt und ihr Körper mit satanischen Symbolen verunstaltet. Ferdinand wird nackt, blutverschmiert und schlafend vor dem Haus aufgefunden. Verhören kann man ihn jedoch nicht – entweder ist er dem Wahnsinn verfallen oder er spielt seine Rolle erschreckend überzeugend. Dank seiner einflussreichen Mutter landet er nicht im Wiener Landgericht, sondern in einem privaten Sanatorium.

 

Als Leo seiner Verlobten Julia von dem Fall erzählt, denkt die Journalistin sofort an Sigmund Freud, über den sie gerade ein Porträt schreibt. Der junge Nervenarzt sorgt mit seinen Hypnose-Experimenten für Aufsehen. („Ich bin ein Archäologe, der verschüttet Erinnerungen ausgräbt.“ (S. 57) Vielleicht könnte ausgerechnet Freud Ferdinand dazu bringen, über die grausamen Ereignisse zu sprechen.

 

Leo sucht Rat bei Totengräber Augustin Rothmayer. Dieser erkennt die Zeichen auf Paulines Körper als das „Auge der Vorsehung“, ein Symbol, das unter anderem den Freimaurern zugeschrieben wird. Um sie ranken sich düstere Gerüchte über Teufelsmessen und geheime Aufnahmerituale, bei denen Verrätern die Kehle durchgeschnitten sowie Herz und Zunge entfernt werden. Als weitere Opfer auftauchen, die nach demselben grausamen Muster ermordet wurden, ohne dass eine Verbindung zwischen ihnen erkennbar ist, verdichten sich die Rätsel. Schließlich wird auch noch Beethovens Grab auf dem Zentralfriedhof geschändet. Für Augustin gibt es nun kein Halten mehr: Er will Leo unbedingt bei den Ermittlungen unterstützen – und bringt sich damit selbst in höchste Gefahr.

 

Auch der fünfte Band der Reihe von Oliver Pötzsch ist wieder ungemein spannend und atmosphärisch dicht erzählt. Das Wien der Jahrhundertwende befindet sich im Umbruch: Die Welt wird moderner, schneller und komplexer, und viele Menschen fühlen sich von diesem Wandel überfordert. Genau dieses Phänomen untersucht Sigmund Freud mit seiner Forschung zur Neurasthenie – der nervlichen Erschöpfung durch die moderne Zeit.

 

Gleichzeitig brodelt die politische Stimmung. Rechtsnationale Kräfte und ihre Zeitungen instrumentalisieren die grausamen Morde, um gegen Juden, Freimaurer, Ausländer und Anarchisten zu hetzen. Auch Polizeirat Moritz Stukart und Leo geraten wegen ihrer jüdischen Abstammung zunehmend ins Visier. Als sich schließlich auch noch der Vizebürgermeister einmischt und den ehemaligen Polizeichef von Linz zum Leiter einer neuen politischen Polizeiabteilung ernennt, wird ihnen der Fall kurzerhand entzogen.

 

Doch nicht nur beruflich steht Leo unter Druck. Sein verstorbener Vater greift noch immer in sein Leben ein: Sollte Leo seine Verlobung mit Julia nicht lösen, wird er enterbt. Wie soll er ihr das nur erklären?

 

Auch Augustin Rothmayer hat mit privaten Sorgen zu kämpfen. Seine Adoptivtochter Anna steckt mitten in der Pubertät und verbringt immer mehr Zeit im gerichtsmedizinischen Institut bei Professor Hofmann. Dieser fördert ihr außergewöhnliches Talent und macht ihr Mut, vielleicht zu den ersten Studentinnen Wiens zu gehören – die Zeit des gesellschaftlichen Wandels könnte ihr diese Möglichkeit tatsächlich eröffnen.

 

Oliver Pötzsch verbindet historische Fakten, gesellschaftliche Entwicklungen und einen packenden Kriminalfall erneut zu einem fesselnden Pageturner. Die Vielzahl an Verdächtigen, immer neue Spuren und überraschende Wendungen sorgen dafür, dass man bis zum Schluss miträtselt. Besonders eindrucksvoll ist, wie der Autor den aufkommenden Antisemitismus und die politischen Strömungen jener Zeit einarbeitet – Entwicklungen, in denen sich bereits die Vorboten des Nationalsozialismus und sogar erste Hinweise auf das Hakenkreuz erkennen lassen. Hervorragend recherchiert, atmosphärisch dicht und bis zur letzten Seite spannend.

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