ISBN : 9783462055177
Gebundenes Buch : 288 Seiten
Verlag : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum : 01.10.2026
Genre : Roman
Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG)
Ein ganzes Leben, erzählt an einem Tag
„Es ist das Gefühl, als würde der Boden, auf dem man bisher sicher stand, plötzlich nachgeben und man in eine seltsame, laute Stille sinken.“ (S. 8)
Nach dem Ende seiner Fußballkarriere schrieb Christoph Kramer mit „Das Leben fing im Sommer an“ gegen die innere Leere an. Um seinem Buch zu einem guten Start zu verhelfen, ging er am Erscheinungstag in seinen Lieblingsbuchladen und räumte die Regale kurzerhand so um, dass man sein Buch gar nicht übersehen konnte. Der erste Käufer war ein junger Mann in abgetragener Kleidung, der die 23 Euro in Münzen bezahlte. Chris spricht ihn an, und Roman erzählt ihm (s)eine Geschichte.
Eine Geschichte, die erstaunlich viele Parallelen zu Chris’ Leben aufweist und sich zugleich grundlegend davon unterscheidet. Es geht um Wünsche und Träume, Verluste und Vertrauen, Familie und Freundschaft. Darum, wie es sich anfühlt, den Boden unter den Füßen zu verlieren und plötzlich nicht mehr zu wissen, zu wem man gehört, woher man kommt und vor allem, wohin man eigentlich will. Eine ganz eigene Form der Zukunftsangst.
Ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich dieser Coming-of-Age-Roman packen, berühren und überraschen würde – auch wegen Chris` Schreibstil. Bei einem ehemaligen Fußballprofi hatte ich keine derart poetische, philosophische und reflektierte Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden erwartet. Ja, ich weiß, Vorurteile sind dazu da, widerlegt zu werden! Aber wie Chris hier über das Leben, seine Brüche und die unerfüllten Wünsche schreibt, hat mich wirklich beeindruckt. Zwischen den Zeilen steckt so viel Nachdenkliches, ohne dass es sich wie eine philosophische Abhandlung anfühlt.
„Hieß Erwachsenwerden, zu realisieren, dass es nicht darum ging, dass Wünsche in Erfüllung gingen, sondern darum, dass manche Wünsche es nie taten und man trotzdem weitermachen musste?“ (S. 163) Dieser Satz ist für mich einer der Gedanken, die nach dem Lesen bleiben. Weil er etwas anspricht, das weit über die Jugend hinausgeht. Irgendwann müssen wir alle lernen, dass das Leben nur selten nach unseren Vorstellungen verläuft. Dass sich Türen schließen, Träume verändern und wir trotzdem irgendwie weitermachen müssen.
Roman wächst in einem Dorf auf. Sein bester Freund Stevie sitzt in der Schule neben ihm, ist Waise und lebt in einem Heim am Rand des Ortes. Zu ihrer Clique gehört auch „Niemand“, ebenfalls ein Heimkind, das nie spricht und dessen richtigen Namen keiner kennt. Eines Tages nehmen die Jungs Roman mit auf einen alten Telefonmast, den sie den Wolkenberührpunkt nennen. „Hier klettert man hoch, wenn man etwas auf dem Herzen hat. Einen Wunsch, ein Geheimnis, irgendwas, was ihr sonst nirgends sagen könnt.“ (S. 58) Ich mag die Vorstellung, einen Ort zu haben, an dem man alles abladen darf, was einen beschäftigt. Wo man nicht funktionieren, keine Antworten liefern und nicht einmal reden muss. Die Weite da oben schafft Abstand zu den Problemen, und die Freundschaft gibt den Jungs Halt. Manchmal reicht es eben, wenn jemand da ist und mit einem schweigt. Dieser Gedanke hat mich besonders berührt, weil er so einfach klingt und doch so viel bedeutet.
Und dann ist da noch Mira, das Nachbarsmädchen, in das Roman verliebt ist. Doch irgendwie wird nie mehr daraus. Auch das gehört zum Erwachsenwerden: Gefühle, Hoffnungen und Möglichkeiten, aus denen nicht zwangsläufig eine gemeinsame Zukunft entsteht.
Als Roman zwölf Jahre alt ist, sagt ihm sein Vater etwas, das alles ändert. Äußerlich bleibt das Familienleben dasselbe, doch Roman beginnt, seinen Platz in der Familie zu hinterfragen. Was gestern noch vertraut war, fühlt sich auf einmal falsch und verlogen an. Deshalb fühlt er sich Stevie und den anderen Heimkindern näher als seinen Eltern. Nur für seine kleine Schwester bleibt er der große, fürsorgliche Bruder.
Diese Veränderung hat mich beschäftigt: Wie sehr kann ein einziges Geheimnis den Blick auf das eigene Leben verschieben? Plötzlich steht alles infrage, obwohl sich im Alltag scheinbar nichts geändert hat. Ich konnte gut nachvollziehen, wie Roman dadurch ins Straucheln gerät.
Die Freunde werden gemeinsam erwachsen und verlieren nie den Kontakt zueinander. Doch während die anderen Pläne schmieden, ihre Ziele verfolgen und Erfolge feiern, lässt sich Roman treiben. Er weiß nicht so recht, wohin er will. Und vielleicht ist genau das eine der ehrlichsten Seiten dieser Geschichte: Nicht jeder findet sofort seinen Weg. Manche brauchen Umwege, verlieren die Orientierung und müssen erst herausfinden, wer sie überhaupt sein möchten.
Besonders begeistert haben mich die überraschenden, packenden Wendungen. Manche Zusammenhänge bekommen dann plötzlich eine völlig andere Bedeutung.
Wolkenberührpunkt hat mich emotional deutlich stärker erwischt, als ich erwartet hatte. Ich habe mit Roman mitgefühlt, über Freundschaft und Familie nachgedacht und mich immer wieder gefragt, wie viel von dem, was wir für sicher und selbstverständlich halten, tatsächlich Bestand hat. Chris erzählt poetisch, klug und erstaunlich lebensnah von den großen Fragen, die uns beim Erwachsenwerden beschäftigen – und die uns auch später nicht unbedingt loslassen.
Seine Geschichte bringt etwas in Bewegung. Sie hat mich überrascht, berührt und zum Nachdenken gebracht. Außerdem hat sie ein Vorurteil über Fußballer gründlich aus dem Weg geräumt. Manchmal braucht es eben nur einen Wolkenberührpunkt, um die Welt mit anderen Augen zu sehen.

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