Sonntag, 25. Juni 2017

Der Gaukler und die Tänzerin






  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 01.06.2017
  • Verlag : Knaur Taschenbuch
  • ISBN: 9783426520000
  • Flexibler Einband 544 Seiten
  • Genre: Historischer Roman
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Zwei Leben

... hat Suni schon geführt. Bis zu ihrem 6. Lebensjahr war sie Magdalene, die uneheliche aber geliebte Tochter des hessischen Landgrafen. Als ihre Mutter von einer Konkurrentin ermordet wird, flieht sie und wird von Zigeunern aufgenommen. Diese sind fortan ihre Familie, sie vergisst (verdrängt) sogar ihr früheres Leben. Mit 16 lernt sie Sorlo kennen. Dieser gehört einem anderen Roma-Stamm an und will sie beeindrucken. Also führt er sie zu einem ungenutzten Jagdschloss und zeigt ihr dort ein Gemälde – darauf sind Magdalene und ihr Vater. Suni erinnert sich an ihr altes Leben und den Mord an ihrer Mutter – und ausgerechnet da taucht die Mörderin wieder auf und erkennt sie.

Zu Magdalenes altem Leben gehörte auch der Schokoladenmohr Mathis. Sie wuchsen fast wie Geschwister auf, waren sich sehr nah. Auch er musste damals fliehen, aber anders als sie landete er bei Lorenz Gauklertruppe. Lorenz verdient nebenher Geld als Zigeunerjäger und so beginnt ein Wettlauf, wer sie zuerst findet.

Reiß die Brücken hinter dir nicht ab, du musst wieder über sie zurückgehen!“ (S. 265)

Sunis / Magdalenes Geschichte hat mich von Beginn an mitgerissen. 2 Seelen wohnen in ihrer Brust. Sie liebt das Zigeunerleben, zumindest kennt sie es am besten. Aber tief in ihr drin kommen auch die Erinnerungen an die Zeit davor immer wieder hoch – und sie gefallen ihr. Auch Mathis steht ihr sofort wieder nah, als sie sich endlich wiederfinden. Aber vorerst wird ihr Leben von der dauernden abenteuerlichen Flucht beherrscht. Ich habe mich beim Lesen oft gefragt, ob sie wohl je an einem Ort und in ihrem Leben ankommt, sich für einen Version davon entscheiden kann – Magdalene oder Suni.

Mathis war für mich ein schwer zu fassender Charakter. Er lässt sich jahrelang von Lorenz leiten (unterdrücken) und bekommt erst durch Magdalene wieder eigenen Antrieb und einen eigenen Willen. Dann lehnt er sich auch endlich gegen Lorenz auf. Etwas untergegangen ist leider seine Andersartigkeit. Es gibt zwar ein paar Stellen im Buch, an denen explizit darauf hingewiesen wird, dass er als Mohr damals für so viel Entsetzen sorgte wie der Teufel persönlich, aber meistens geht das leider unter, er bleibt etwas farblos (blödes Wortspiel, ich weiß).

Lorenz hingegen ist eine extrem dominante Persönlichkeit, die dem Leser Schauer über den Rücken jagt: sadistisch, brutal und gefühllos. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen und erfüllt seiner verheirateten Geliebten jeden Wunsch – er mordet ohne Reue für sie!

Diese (ihr Name wird hier natürlich nicht verraten) ist ein berechnendes Aas. Sie will die unbedingte Macht und Kontrolle und schiebt ihrem Mann sogar 2 Kuckuckskinder unter. Erst, als man ihre grauenvolle Vorgeschichte erfährt, kommt so etwas wie Mitleid für sie auf.

Die Schicksale der einzelnen Beteiligten haben mich zum Teil sehr berührt. Dem Roman als Ganzes ist das leider nicht durchgängig gelungen. Ein paar Stellen waren zu langatmig bzw. zu konstruiert. Außerdem gab es gerade am Ende zu viele Zufälle. Ich weiß, dass diese für die Geschichte notwendig waren, aber das hätte man m.E. eleganter lösen können.

3,5 von 5 Sternen