Montag, 18. September 2023

Regen - Eine Liebeserklärung


 Buchdetails: 

Erscheinungsdatum: 23.08.2023

Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag

Buchlänge: 112 Seiten 

ISBN: 9783630877389

Genre: Erzählung/ Theaterstück / Deutsche Literatur

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„Ich schreibe jeden Absatz 30-, 40-, 50-mal um. Es geht darum, dass am Ende der einfachste Satz übrig bleibt. Nur das, was man einfach sagen kann, ist wahr. Es geht um das einfachste, klarste Wort, das Sie finden können.“ (Ferdinand von Schirach aus dem Interview mit Sven Michaelsen, Auszug aus dem Buch) 

Und genau diese Perfektion beim Bilden von Sätzen spürt man in jeder Zeile dieses Theaterstücks. 

Es geht um einen Schriftsteller, der seit langem nichts mehr geschrieben hat. Er ist am liebsten mit sich allein, liebt die Ruhe und meidet die Nähe zu anderen Menschen. Als eben dieser zum Schöffen berufen wird, versucht er zu verdeutlichen, dass er für diesen Job ungeeignet ist. Schon am ersten Verhandlungstag in einem Strafprozess wird er wegen Befangenheit abgelehnt. 

Vom Regen durchnässt, sinniert der Schriftsteller in einer Bar über die Schuld, den Tod und die Wirren unserer Zeit. Er setzt sich mit Verlust, Einsamkeit und der Liebe auseinander. 

Auf 57 Seiten versteht es Schirach meisterlich, seine Leser in Denkprozesse zu verwickeln. Folgt man seiner Argumentation gedanklich, wird man im nächsten Moment mit einer anderen Sichtweise konfrontiert. Zwischendurch schwingt ein Hauch von Melancholie mit. Nachdenklich fliege ich durch die Seiten.

Da ich ebenfalls als Schöffin tätig bin, kann ich nachempfinden, wie sich der Schriftsteller fühlt. Das Theaterstück wirkt wie ein Potpourri aus den vorangegangenen Büchern „Verbrechen“, „Schuld“, „Strafe“, „Die Würde des Menschen ist antastbar“ usw. 

Aber es geht auch um das Schreiben. 

„Wenn man schreibt, ist man alleine. Etwas anderes ist gar nicht möglich. Das Schreiben ist kein demokratischer Prozess. Es ist das Gegenteil. Aber später gehören die Bücher nicht mehr dem, der sie geschrieben hat. Sie gehören jetzt dem, der sie liest. (Auszug aus dem Buch) 

Im anschließende Interview zeigt sich ein eindrucksvolles Bild über den Menschen Ferdinand von Schirach. Er ist ein begnadeter Erzähler, aber auch ein eigenwilliger Kauz. Vermutlich kein einfacher Interviewpartner! 

Das Büchlein ist hochwertig verarbeitet, aber dennoch beschleicht mich das Gefühl, dass man hier mühsam versucht hat, Seiten zu füllen. Da das Interview bereits in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen ist und sich das Theaterstück auf 57 Seiten beschränkt, stellt sich für mich die Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis. 20 Euro für dieses kleine Buch halte ich für überteuert. Wer die vorangegangenen Bücher von Schirach gelesen hat, wird der einen oder anderen Passage in ähnlicher Art schon einmal begegnet sein. 

Trotzdem ist das Theaterstück lesenswert, auch wenn das Buch insgesamt eher eine Mogelpackung ist. Ich würde auch gerne den Autor persönlich als Schauspieler seines Stückes erleben.

Mit so wenigen prägnanten Sätzen, so viel zu sagen, vermag nur Ferdinand von Schirach. 

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