„Wieso sollte ich kochen können? Ich esse ja nicht mal.“ (S. 86) diesen Satz sagte Topmodel Annabelle Scott vor Jahren in einem Interview. Nun wird er ihr bei der Bewerbung als Co-Moderatorin der neuen Kochshow Dining Delights zum Verhängnis. Denn Annabelle kann nicht nur nicht kochen, sie kann Essen aufgrund jahrlangen Kalorienzählens und grammgenauen Abwiegens auch nicht mehr genießen. Bei jedem Bissen springt automatisch der Kalorienrechner in ihrem Kopf an. Dabei braucht sie den Job dringend. Nachdem ihr Restaurant Runaway vor einem Jahr, auch Dank der vernichtenden Kritik von Restauranttesterin Sophie Dubois, gefloppt ist und Annabelle einen Zusammenbruch erlitt, blieben Modelaufträge aus. Sie ist fast pleite. Ausgerechnet Sophie, die die Sendung entwickelt hat, überredet sie nun, zum Casting zu kommen. Das bedeutet für Annabelle eine Rückkehr nach Port Haven, jenem kleinen Küstenort, aus dem nach dem Tod ihres Vaters vor über 20 Jahren regelrecht geflohen ist. Damals war ihr der Ort zu klein, zu eng.
Doch ihre fehlenden Kochkünste sind nicht ihr einziges Geheimnis. Wird eine ihrer Konkurrentinnen es lüften und Annabelle zu Fall bringen? Oder der frauenfeindliche Moderator Simon Mandel, dessen Repressalien sie kaum noch erträgt?
„Ein Löffel voller Glück“ ist der zweite Teil der „A Taste of Cornwall“-Reihe und führt zurück ins malerische Port Haven und den Pub Smuggler´s Inn.
„Meine Mutter ist für mich Geschichte. Genau wie Port Haven.“ (S. 36) Annabelle (ist der Name vielleicht eine Reminiszenz an den Film Notting Hill?) hat sich während ihrer Abwesenheit durch Diäten, Sport und kosmetischer Eingriffen äußerlich stark verändert. Auch ihren Namen hat sie abgelegt, um nicht mehr mit dem Mädchen von früher in Verbindung gebracht zu werden und keinen Kontakt zu ihrer Mutter zu haben. Lange funktioniert das: Niemand erkennt sie. Doch der Druck wächst, ihre Rivalinnen kämpfen mit harten Bandagen. Frieden findet Anabelle ausgerechnet bei Fynn und seinen Alpakas. „Sie sind wie ein Löschblatt. Sie saugen alle Probleme einfach auf. Wenn ich bei ihnen bin, ist mein Kopf leer. Das tut gut.“ (S. 63) Doch auch Fynn ist nicht der, der er auf den ersten Blick zu sein scheint.
Katharina Herzog greift in diesem Wohlfühlroman behutsam toxische Themen wie Diäten- und Magerkeitswahn, Essstörungen, Drogen, beruflichen Stress, Burnout und Ängste auf. Abseits von Modekampagnen und Social Media hatte Annabelle kein einfaches Leben. Sie stand unter permanentem Druck, ihrem Körper und Aussehen zu entsprechen, und wurde von ihren Partnern immer wieder verletzt und verraten. Sie sehnt sich nach Liebe und einer Familie, hat aber Angst, erneut zu vertrauen und enttäuscht zu werden. Sophie ist die erste Frau, die ihr zu einer echten Freundin wird, und Flynn der erste Mann, mit dem es ernst werden könnte. Das Casting zwingt Annabelle dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, ihre Zukunft neu zu denken und sich mit Port Haven und seinen Bewohnern auszusöhnen.
Ein Wohlfühlroman mit Tiefgang, der Lust auf eine Alpakawanderung, Urlaub in Cornwall und die kornische Küche macht.

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