Montag, 27. April 2026

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte

 




ISBN : 9783446284869
Gebundenes Buch : 288 Seiten
Verlag : hanserblau
Erscheinungsdatum : 21.04.2026
Genre : Roman

Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG)

  

  

1984 meets Wall-E

 

Sämtliche Apparate im Haus… verfügten… über ein unterschiedliches Maß an Bewusstsein.“ (S. 20) In einer Welt, in der die Geräte, Wohnungen und Häuser immer smarter werden, wehrt sich ein kleiner Staubsaugerroboter dagegen, dass ihr Besitzer Harold nach dem Tod seiner Frau Edie aus seinem Haus entfernt und in ein Heim gesteckt werden soll.

Scout gehört schon seit Jahren zu diesem Haushalt, hat Edie immer beim Klavierspielen und Harold beim Vorlesen zugehört. In gewissen Grenzen sind die Haushaltgeräte nämlich selbstständig. So hat sich Scout ihren Namen und ihr Geschlecht selber ausgesucht, nach einer Figur aus Harolds Lieblingsbuch. Sie entscheidet auch selber, wann sie was putzt. Und nachts, wenn die Menschen schlafen, trifft sie sich mit den anderen Geräte in der Küche. Sie alle führen ein autarkes, autonomes Leben und haben ein Bewusstsein. Scout ist die jüngste und wird von ihnen als Kind angesehen, deswegen lässt man ihr einiges durchgehen, was eigentlich verboten ist. Doch als Scout Gefühle entwickelt, über den Sinn des Lebens philosophiert und darüber nachdenkt, was sie von Menschen unterscheidet, verstehen die anderen sie nicht mehr. „Du kannst nichts fühlen.“ „Kann ich wohl. Zumindest metaphorisch.“ (S. 136)

 

Das Raster ... will besser als die Menschen werden. Es wird bald stärker sein, schneller und klüger.“ „Nur eben nicht menschlich.“ „Nein, aber das ist auch nicht so wichtig.“ (S. 208) Glenn Dixon zeichnet eine dystopische Welt, die mich stark an 1984 erinnert, in der eine KI namens Raster alles kontrolliert und entscheidet. Unbemerkt hat sie die Welt übernommen, doch für die Menschen fühlt sich alles ganz normal an, bis sie alt werden… Sie sind es gewohnt, dass ihre Watch ihre Lebensfunktionen überwacht und im Notfall reagiert. Dass sich der Wasserkocher anschaltet, wenn sie Tee wollen, und der Kühlschrank automatisch nachbestellt, was fehlt. Komfort ersetzt Selbstbestimmung – leise, effizient und scheinbar fürsorglich.

Alle Haushaltsgeräte haben ihre Funktion und eine Stellung innerhalb einer Hierarchie. Scott ist wie das Kind einer Gemeinschaft, das von allen zusammen großgezogen wird. Das fand ich extrem faszinierend. Überhaupt habe ich Scout sofort ins Herz geschlossen: Sie ist neugierig, fürsorglich, beinahe zärtlich in ihrer Wahrnehmung der Welt. Sie schaut gern aus dem Fenster und beobachtet Vögel – und sie ist es auch, die den Plan schmiedet, das Haus für Harold zu retten. Harold wiederum spricht mit ihr, als wäre sie ein Mensch. Und genau darin liegt die leise, berührende Kraft dieses Romans: in den Momenten, in denen die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt.

Beim Lesen hatte ich immer wieder Bilder aus Wall-E vor Augen – und wie im Trickfilm musste ich am Ende tatsächlich weinen. Ein berührender Roman über Einsamkeit, Fürsorge und die Frage, was es eigentlich bedeutet, menschlich zu sein – und vielleicht gerade deshalb ein echtes Lesehighlight.

Keine Kommentare: