Sonntag, 5. April 2026

Einatmen. Ausatmen.


 

 

 

ISBN : 9783462006513
Gebundenes Buch : 256 Seiten
Verlag : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum : 12.03.2026
Genre : Roman 

Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG)

 

 

 

  

Neben der Spur

 

Marlene hat eigentlich alles, was es braucht um die nächste Vorstandsvorsitzende des Aviola Konzerns zu werden – außer Empathie. Seit Jahren bringt sie der Firma hohe Gewinne ein, weiß genau, wer mit wem am effektivsten zusammenarbeitet, doch sobald es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, versagt sie auf ganzer Linie. „Sie wusste schlicht nicht, wie man es anstellte, sich mit anderen Menschen zu verbinden.“ (S. 37) Freunde braucht sie keine, an der Spitze ist es ohnehin einsam. Auch privat vermisst sie keinen Partner. „…, wenn irgendwann der Tag kommen sollte, an dem ihr ein Mann wichtiger war als ihre Arbeit, dann wäre das doch vor allem ein Zeichen dafür, dass sie sich dringend einen neuen Job suchen müsste.“ (S. 8) Den CEO-Posten, auf den sie jahrelang hingearbeitet hat, bekommt sie jedoch nur, wenn sie ihre Kompetenzen in der Mitarbeiterführung unter Beweis stellt. Also lässt sie sich widerwillig auf ein zweiwöchiges Achtsamkeitsseminar auf einem Schloss in Brandenburg, geleitet von DEM Guru Alex Grow, zu dem ihr Chef sie schickt.

 

Doch auch bei Alex ist längst nicht alles so perfekt, wie es nach außen wirkt. Seine Academy ist in den letzten Jahren rasant gewachsen, doch der Erfolg fordert seinen Preis. Alex versucht, allen Kunden und Angestellten gerecht werden, verliert dabei aber zunehmend die Kraft, die ihn einst ausgezeichnet hat. „Ihm fehlte die positive Energie, die vermutlich sein wichtigstes Betriebskapital gewesen war.“ (S. 18) Nach zwei Zusammenbrüchen läuft das Geschäft schlechter, die Einnahmen sinken. Deshalb geht er einen Deal mit Marlenes Chef gemacht. Wenn er sie fit für die Führungsposition macht, wird künftig die gesamte Belegschaft des Unternehmens zu seinen Seminaren geschickt.

Schon bei ihrer ersten Begegnung merkt Alex jedoch, dass Marlene kein gewöhnlicher Fall ist, und vor allem nicht gewillt, sich helfen zu lassen. „Wie sollte er dieser Frau helfen, die offenkundig gar nicht nach seiner Hilfe verlangte?“ (S. 31)

 

In „Einatmen. Ausatmen.“ lässt Maxim Leo zwei Figuren aufeinandertreffen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Alex ist einfühlsam, will, dass es allen gutgeht, und glaubt fest an seine Methoden – auch wenn sie bei ihm längst nicht mehr wirken.

Marlene hingegen hält Achtsamkeit für „Hokuspokus“. Sie meidet Nähe, flüchtet vor ihren Problemen und erschrickt vor jeder Form von Berührung. Ihre Mutter hat ihr schon als Kind eingeredet, sie sei seltsam und Gefühle seien etwas, das nur andere Menschen haben. Diese Überzeugung hat Marlene tief verinnerlicht.

Erst durch Alex‘ Hausmeister kennen. Günther Mattissen, der ihr in vielerlei Hinsicht ähnelt und Tiere Menschen vorzieht, beginnt sich etwas zu verändern. Als Günther einen schweren Schicksalsschlag erleidet, empfindet Marlene zum ersten Mal echte Empathie. Sie tröstet und unterstützt ihn – und stößt dabei auf ihre eigenen verdrängten Gefühle und die Ursachen ihres Verhaltens.

Das Achtsamkeitsseminar wird für sie zu einer schmerzhaften, aber auch heilsamen Reise. Sie begibt sich auf die Suche nach sich selbst, ihren Wurzeln und nach einem Gefühl von Heimat. Unterstützt wird sie dabei von unerwarteten Begleitern: einem jungen Mädchen und einem verletzten Wildschwein, die plötzlich im Park des Schlosses auftauchen und das Leben der Seminarteilnehmer durcheinanderbringen.

 

Maxim Leo erzählt diese Sinnsuche bildhaft, gefühlvoll und mit feinem Humor. Besonders gelungen beschreibt er Marlenes innere Leere und ihre vorsichtige Annäherung an andere Menschen. Allerdings empfand ich das letzte Drittel des Romans als etwas unausgewogen, da darin einige für mich eher unrealistische Ereignisse vorkommen.

 

Trotzdem bleibt Einatmen. Ausatmen. ein ungewöhnlicher Roman über Selbstfindung, emotionale Blockaden und die Frage, ob und wie sehr Menschen sich wirklich verändern können – eine Geschichte, die nachdenklich macht und noch eine Weile nachhallt.

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