Freitag, 11. September 2026

1999 Meter über dem Meer

 



ISBN : 9783498007713
Gebundenes Buch : 368 Seiten
Verlag : Rowohlt
Erscheinungsdatum : 28.08.2026
Genre : Roman

Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG) 

 

 

 

Dämmerung

 

Ich weiß, was ich will: Ich will reich sein, unabhängig und frei.“ (S. 65) Aber wie sie das erreichen kann, weiß Samara nicht. Die Selbstfindung auf Bali ist jedenfalls überhaupt nicht ihr Ding – auch weil sie das Meer nicht mag. Und der Job in der hippen Berliner Werbeagentur langweilt sie schon nach wenigen Wochen: Alles dreht sich um die Vermarktung von Influencer*innen, um deren Ausbeutung und immer höher Ansprüche.

Also schmeißt sie hin, steigt in das alte Mercedes Cabrio SL R 129, ein Geschenk ihres Vater, und fährt einfach los. Ohne Plan, ohne Ziel, Richtung Berge. Immer dabei sind ihre dunklen Wolken in ihrem Kopf, denen sie auch mit 180 km/h, Long Sardine von Oxis und Müllermilch in der Mittelkonsole nicht davonfahren kann. Schließlich landet sie in St. Moritz, wird als Fotografin entdeckt und in die High Society integriert – schließlich schmückt man sich dort gern mit neuen, jungen Künstler*innen. Doch machen der plötzliche Ruhm, die Partys, Drogen, Alkohol und Geld wirklich glücklich?

 

Caroline Wahl ist eine der umstrittensten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Man liebt oder hasst ihre Bücher – ich gehöre eindeutig zu Ersteren. Was ich an ihr besonders mag: Mit jedem Roman scheint sie etwas Neues auszuprobieren, eine andere Erzählsprache, neue Schauplätze und andere Themen. Und sie kann wahnsinnig gut erzählen und fabulieren. Das verbindet sie mit ihrer Protagonistin – oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Samara fabuliert sich ihr eigenes Leben zusammen. Je nachdem, wem sie begegnet, schlüpft sie in eine andere Rolle, erfindet Namen, Berufe und Geschichten. Sie wird zur Fotografin, zur Künstlerin, zur Hochstaplerin, und vielleicht kommt sie sich selbst dabei näher, ohne genau zu wissen, wer sie eigentlich sein möchte.

 

„1999 Meter über dem Meer“ ist deshalb nicht nur ein Roman über eine Hochstaplerin, sondern vor allem über eine junge Frau, die mit Depressionen lebt, nicht weiß, was sie werden will und wo sie hingehört. Samara ist eine Suchende, die sich nur dann frei fühlt, wenn sie sich ablenken kann. Sie kann oder will sich weder an Menschen, noch an Orte binden und ist ständig auf der Flucht – vor anderen, aber letztlich auch vor sich selbst.

Ihre Gedanken und Gefühle gibt sie oft ungefiltert preis. Gerade dadurch wirkt sie gleichzeitig nahbar und verletzlich. Sie ist klug und durchschaut die Leichtgläubigkeit und Verschwendungssucht der Schönen und Reichen, die sie geschickt nutzt, um ihnen ihre Kunst zu verkaufen. Doch Samara ist eben nicht nur clever, sondern auch eine Getriebene und Süchtige. Selbst ihre Obsession für Müllermilch ist ihr durchaus bewusst: Sie weiß, dass sie weder dem Hersteller noch ihrer eigenen Unverträglichkeit besonders zuträglich ist – und kann trotzdem nicht davon lassen.

 

Caroline Wahl erzählt Samaras Geschichte mit einer ganz eigenen Mischung aus Lakonie, Witz und Melancholie. Dabei bleibt vieles widersprüchlich – genau wie Samara selbst. Vielleicht ist es gerade das, was sie so interessant macht: Sie will unabhängig und frei sein, sucht aber gleichzeitig verzweifelt nach etwas, das ihr Halt gibt. Sie erfindet sich immer wieder neu und ist doch ständig auf der Suche nach sich selbst. 

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