ISBN : 9783352010279
Gebundenes Buch : 397 Seiten
Verlag : Rütten & Loening Berlin
Erscheinungsdatum : 12.08.2026
Genre : Roman
Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG)
Zwischen Bernstein und Lebensträumen
„Ich bin selbst wie in Harz eingegossen und für die Nachwelt präpariert. Eine konservierte 26-jährige in ihrem ursprünglichen Habitat.“ (S. 73)
Julika forscht als Doktorandin an Bernstein und (unter)sucht eingeschlossene Lebewesen und Pflanzen. Eines Tages macht sie einen Sensationsfund: eine Rhopalisomatiden-Wespe, die erste ihrer Art, die je in Bernstein entdeckt wurde. Doch am angegebenen Fundort Samland dürfte diese Wespe eigentlich gar nicht vorgekommen sein. Bei ihren weiteren Recherchen stößt Julika auf den Namen Ebba Bredow und das Jahr 1943. Könnte Ebba noch leben und ihr mehr über den geheimnisvollen Stein erzählen?
Samland 1943: Ebba ist acht Jahre alt und möchte Bernsteinfischerin werden – wie ihr Vater. Bernsteinschnitzerin oder -dreherin, wie es für Frauen üblich ist, kommt für sie nicht infrage. Bernsteinfischer ist ein begehrter und gefährlicher Beruf: Die Männer stehen bei Wind und Wetter stundenlang im Meer, um die Steine aus den Wellen zu fischen. Und jeder noch so kleine Fund muss unter Strafandrohung abgegeben werden. Doch als Ebba einen apfelgroßen Bernstein mit einem Einschluss findet, behält sie ihn heimlich.
„Die Bernsteinfischerin“ hat mich so gefesselt, dass ich das Buch an nur 2 Abenden förmlich inhaliert habe. Lisa Quentin erzählt die Geschichte zweier Frauen, die Jahrzehnte trennen, die aber Faszination für den Bernstein miteinander verbindet. Außerdem führen beide ein Leben, was sie so nie wollten.
Ebba wollte Bernsteinfischerin werden, doch ihr Familie musste vor den Russen fliehen und landete in Niendorf. Die Liebe zum Bernstein hat sie dennoch nie losgelassen. Aus ihm und anderen Strandfundstücken erschafft sie Kunstwerke, die sie niemandem zeigt, weil sie glaubt, dass sie ohnehin niemand versteht. Stattdessen arbeitet sie in der elterlichen Pension mit und sieht sich ständig mit den Erwartungen der Gesellschaft konfrontiert: Wann heiratet sie endlich? Warum bekommt sie keine Kinder? Immer mehr fürchtet sie, als Frau zu versagen, und gibt sich selbst auf, um allen anderen gerecht zu werden.
Auch Julika hat ihre eigenen Wünsche längst hintenangestellt. Sie wollte Sport studieren, muss sich nach einem Schicksalsschlag der Familie jedoch gemeinsam mit ihrem Vater rund um die Uhr um ihre Mutter kümmern. Darunter leidet nicht nur ihr Sozialleben, sondern auch ihr Selbstwertgefühl. Obwohl sie vermutlich den Fund ihres Lebens gemacht, traut sie sich selbst und ihrer Entdeckung zunächst kaum zu. Doch dann springt Julika über ihren Schatten und macht sich auf die Suche nach Ebba. Die erzählt ihr aus ihrem wechselvollen, oft tragischen Leben und gibt ihr das Wichtigstes mit: „Ich glaube, die größte Freiheit lebt man, wenn man tut, was man liebt.“ (S. 249)
Auch darin zeigt sich eine weitere Parallele zwischen den Frauen. Beide Elternpaare brauchen schließlich einen Weckruf, um ihren Töchtern den Freiraum zu geben, den diese so dringend benötigen. Doch nach Jahren der Carearbeit und des ständigen Zurücksteckens fällt es sowohl Ebba als auch Julika schwer, diese neu gewonnene Freiheit überhaupt anzunehmen.
Ich bin wie Ebba fasziniert von der Ostsee. Wir verbringen jeden Urlaub dort und halten natürlich auch immer Ausschau nach Bernstein – bisher allerdings mit überschaubarem Erfolg. Mehr als winzige Stücke haben wir noch nicht gefunden, von einem Bernstein mit Einschluss ganz zu schweigen. Umso mehr habe ich das Setting geliebt. Die Beschreibungen des Meeres lassen sofort Bilder vor meinem inneren Auge entstehen und machen die Sehnsucht nach der Ostsee noch größer.
Ich konnte mich gut in Ebba und Julika hineinversetzen. Beide führen ein Leben, das sie so nie wollten, und müssen erst wieder lernen, ihre eigenen Wünsche ernst zu nehmen. Ebba gelingt das irgendwann, indem sie etwas anderes loslässt und dabei das Selbstbewusstsein und die Furchtlosigkeit ihrer Kindheit wiederfindet.
Und dann das Ende … Ich wusste gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Den Ausgang hatte ich zwar irgendwie vermutet, trotzdem hat er mich sehr berührt.
Eine wunderschöne, atmosphärische Geschichte über Bernstein, die Ostsee, verpasste Lebensträume und den Mut, irgendwann doch noch das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen