Mittwoch, 9. Dezember 2015

Hörbuch: Sei mir ein Vater

Eine Grande Dame der Belle Époque, ein Gemälde und eine Nachfahrin

Hörbuch Sei mir ein Vater

Art: Autorisierte Lesefassung
ISBN: 978-3-8398-1440-6
erschienen am: 26. November 2015
erschienen im: Argon-Hörverlag
Laufzeit: 7 Stunden, 1 Minute auf 6 CDs
Preis: 19,95 €

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In ihrem Roman „Sei mir ein Vater“ verwebt die Autorin Anne Gesthuysen die Schicksale zweier französischer Frauen auf zwei Zeitebenen sowie Fiktion und Wirklichkeit miteinander. Sehr interessant ist hierbei der historische Rückblick in das Leben der Künstlerin Georgette Agutte, die heute weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Diese Rezension bezieht sich auf die Hörbuchvariante, erschienen im Argon-Hörbuchverlag.
In der ersten Zeitebene lernen wir Lilie Agutte kennen. Lilie ist mit knapp 40 alleinerziehende Mutter in Paris. Ihr Leben ist bisher eher chaotisch verlaufen. Einzige verlässliche Konstante in ihrem Leben scheint ihre deutsche Gastfamilie aus Jugendtagen zu sein. Ihre Mutter, die sie ebenfalls alleine mit ihren Geschwistern aufzog, scheint kein wirklicher Ankerpunkt für Lilie zu sein. Aber noch weniger konnte sie sich bisher auf ihren Vater, Yves Agutte, verlassen, der das Leben eines nicht erwachsen werden wollenden Jungen führt und noch weitere Familien gegründet hat. Ganz offensichtlich leidet sie darunter, dass ihr Vater solch ein unzuverlässiger Taugenichts ist, der weit weg in der Karibik wohnt. Zu Hause lässt er sich meist nur blicken, wenn er Geld braucht.

Nach ihrem Schulabbruch in Frankreich lernt sie als Teenager in ihrer Gastfamilie am Niederrhein das erste Mal Geborgenheit kennen. Fortan hat sie ihre  Ersatzfamilie gefunden und sieht in Hanna eine verlässliche Schwester und in Hermann einen fürsorglichen Ersatzvater. Die Beziehung ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit und einem engen Kontakt.

Als Lilie eines Tages einen Einbrecher auf frischer Tat in ihrer bescheidenen Wohnung überrascht, dieser sie mit einem Gemälde niederschlägt und unerkannt entkommen kann, beginnt eine Suche nach dem Geheimnis des Familienerbstückes ihres Vaters Yves. Angetrieben und unterstützt durch Hanna und den sterbenskranken Hermann, begibt sich Lilie auf eine abenteuerliche Reise und folgt den Spuren ihrer Urahnin Georgette Agutte.

Auf der anderen Zeitebene begegnen wir besagter Georgette Agutte und dürfen sie durch ihr bewegtes Leben begleiten. Auch Georgette vermisste ihren Vater schmerzlich, der sehr jung verstorben war. Das naturalistische Gemälde, das sich in der ersten Zeitebene in Lilies Besitz befindet, ist ein Werk des verstorbenen Vaters. Neben Georgette erlangen wir aber auch Einblicke in das Leben ihres zweiten Ehemannes, den wissbegierigen Juristen und sozialistischen Politiker Marcel Sembat.  Man kann die beiden als Glamour-Paar ihrer Zeit bezeichnen, das sowohl die Kunstszene der Belle Époque, als auch die französische Politik maßgeblich geprägt hat.
Natürlich handelt es sich bei diesem Werk vorrangig um einen Roman mit vielen fiktiven Aspekten. Doch dieser Blick in das Leben dieser beiden interessanten Persönlichkeiten ihrer Zeit weckt Interesse und macht Appetit auf mehr. Die Geschichte um die große Liebe zwischen Georgette Agutte und Marcel Sembat und die Ausflüge in die Zeiten des Naturalismus, Impressionismus, Postimpressionismus und Fauvismus sowie den französischen Frühsozialismus machten für mich das eigentliche Herzstück des Hörbuches aus.

Bedauerlicherweise sind anscheinend einige interessante Ereignisse in der Hörvariante herausgekürzt worden, was mir beim Austausch mit Lesern des Romans auffiel. Beim Hören fällt dies zwar nicht zwingend auf, schade finde ich es dennoch.


Das Hörbuch wird von Doris Wolters äußerst angenehm und gefühlvoll interpretiert, so dass man der Geschichte sehr entspannt folgen kann und wahrlich von einem Hörgenuss mit hohem Unterhaltungswert sprechen kann.

Fazit:
Dieses (Hör-)Buch vereint den Selbstfindungsprozess einer fiktiven Person unserer Zeit (Lilie), die Geschichte eines Glamourpaars der Belle Époque (Georgette und Marcel), Hintergründe zur seinerzeitigen Kunstförderung sowie den Sozialismus in Frankreich, einen unausweichlichen Tod (Hermann), eine Verbundenheit fürs Leben (Lilie, Hanna und Hermann) und eine Liebe bis in den Tod (Georgette und Marcel). Gute Unterhaltung, angenehme Lesestimme, historisch interessante Informationen!