Mittwoch, 5. Juli 2017

Ein Blick hinter die Kulissen einer Hörbuchproduktion


Sicher habt ihr vor einigen Tagen meine begeistert Rezension zu Julia Fischers (Hör-)Buch Die Galerie der Düfte gelesen 😉. Das Besondere an diesem Hörbuch ist, dass die Autorin gleichzeitig die Sprecherin ist. Während der gemeinsamen Hörrunde auf Lovelybooks hat sie uns viele spannende Dinge rund um die Produktion eines Hörbuches erzählt und so entstand die Idee, auch Euch das Thema näherzubringen. Jetzt übergebe ich aber an Julia - Julia, Du bist auf Sendung:

Warum gibt es so viele Hörbücher in gekürzter Fassung? 
Und warum sind sie trotzdem teurer als das Buch?
Wie entsteht so ein Hörbuch überhaupt – einfach mal schnell das Buch vorlesen und online stellen?
Es gibt sie ja in verschiedensten Formaten, als Download, als mp3 Disc, als normale CDs. In Plastikschachteln oder schön flach in bedruckten Kartons. Die sehen – wie ich finde – viel edler aus und sind auch nicht so platzraubend, dafür aber viel teurer in der Herstellung. Glaubt man das?!
Hier fängt die Sache mit den Herstellungskosten also schon an, bzw. wir sind schon mittendrin.
Im Vorfeld steht natürlich erst mal die redaktionelle Arbeit des Hörbuchverlags. Hier prüfen viele Leute die Titel des neuen Halbjahres, quer durch alle Verlage, Hunderte, und wählen aus. Das ist ein gewaltiger Zeitaufwand!
Für die „Auserwählten“ müssen dann Lizenzgebühren an den Buchverlag gezahlt werden und dann wird eine Bilanz erstellt. Wie viele Hörbücher wird man wohl verkaufen können, können wir uns einen Promi-Sprecher leisten, dessen Name zieht? Wie hoch dürfen die Produktionskosten sein, dass sich das noch trägt?
Meistens rechnen sich 5 bis 6 CDs am ehesten und deshalb wird das Buch jetzt gekürzt, was im Schnitt an die 50 Stunden dauert, Daumen mal Pi.
Oft werden lange Geschichten durch diese Kürzung dichter, Krimis schneller, Unwesentliches, das sich einfach „nur“ schön erzählt, fällt weg. Man bekommt einen guten Eindruck von der Erzählung, dem Schreibstil, den Figuren, und „konsumiert“ sie ja oft auch nebenbei (neben dem Bügeln, Autofahren, beim Joggen etc.). Manche empfinden es als Kompromiss, andere lieben die knappere Form.

Ich bin eine der ganz wenigen Hörbuchsprecherinnen, die das selbst machen. Ist eine spannende Arbeit und ich kenne trotz Kürzung den ganzen Kontext, die Motivation der Figuren, ihre Haltung, Geschichte..., manches transportiert man dann eben in der Sprechhaltung mit, wenn es nicht mehr extra erklärt wird.
Meine Kürzung wird vom Buchverlag geprüft, evtl. auch vom Autor selbst und freigegeben, dann nochmal in der Hörbuchredaktion gegengelesen und ab geht’s ins Studio.
Naja, als Sprecher muss ich  natürlich vorher erstmal meinen Text einstreichen, Pausenzeichen, Betonungen, verschiedene Rollen etc. – ca. 200 Seiten bei 6 CDs. Die schöne bunte Welt meiner Hörbuchtexte. Jetzt habe ich den Titel schon mindestens viermal durchgearbeitet!

Ja, und dann muss ich natürlich noch Fremdwörter recherchieren, aber vor allem Aussprachen. Beispiel: Lars Pettersson "Einsam und kalt ist der Tod": Da war Schwedisch, Norwegisch, Samisch, Grönländisch und Finnisch drin und das musste ich dann können. Sowas wie:  ”Na, goakadit gal. Muhto galgá vuos sáltat”...
 
Und dann geht’s erst ab ins Studio mit einem Tonmeister und einem Regisseur. Tagelang, sieben Stunden täglich, höchst konzentriert. Ich lese ca. zwei fertige CDs pro Tag.











Der Tonmeister „putzt“ das Ergebnis am Ende, schneidet kleinste Schmatzer, lautes Atmen und Geräusche heraus und dann wird das Ergebnis nochmal durchgehört. Von professionellen Abhörern, die Wort für Wort mitlesen, und von der Regie/Redaktion auch noch mal.
Dann: Presswerk, ein Master wird erstellt, die Urmutter der CDs. Der Vorschaukatalog wird gedruckt, die Grafik hat das Cover modifiziert (wie bringt man einen schlanken hohen Kühlschrank vom Buchcover auf Hörbuchformat?!), und der Vertrieb springt an nebst Werbung.
 




Jetzt mehr eine Minibar…








Und bei all dem habe ich sicher noch was ausgelassen.
Viel Aufwand? Ohne Frage. Aber das Ergebnis ist schon toll:
Viele Stunden Erzählkunst und eine Reise in eine andere Welt. Man konzentriert sich auf eine Stimme, taucht als Hörer ein in den Rhythmus und Klang. Das Hörbuch ist die Königsdisziplin für uns Sprecher, gewissermaßen die Visitenkarte und mein ganzer Stolz.