Dienstag, 17. August 2021

Der Charme der langen Wege

Ungewöhnlich

von Hanno Millesi

 
Verlag:‎ Edition Atelier (Juli 2021)
Gebundene Ausgabe: ‏ 192Seiten
ISBN: ‎9783990650578
Genre: Roman

 

Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG) 
Vorab-Hinweis: Zwar wurde mir ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt, dies hat aber keinerlei Einfluss auf meine nachfolgende Meinung.

 

 

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich durch die Buchbeschreibung keine richtige Vorstellung davon, was mich erwarten würde, aber da ich ja neugierig bin, habe ich beschlossen herauszufinden, worin „Der Charme der langen Wege“ liegt. Nun, knapp 200 Seiten später, bin ich nicht wesentlich schlauer. Wobei – im Grunde stimmt das nicht. Ich weiß, was ich gelesen habe, aber es fällt mir schwer, die passenden Worte zu finden, um das Buch und mein Leseerlebnis zu beschreiben.

Es geht um Lambert, für den die Welt stets aus den unterschiedlichsten Lauten bestand und der sich als Geräuschemacher vituos auzudrücken wusste. Bevor die Computertechnik auch in seinem Metier Einzug hielt, war er gemeinsam mit seinem Partner stets auf der Suche nach dem perfekten Geräusch für ein Bild, eine Szene, einen Radiobeitrag – je nachdem, wie der Auftrag lautete. Sindy & Bert, wie sie sich nannten, haben keine Mühe gescheut, bis sie mit ihrem Werk zufrieden waren.

Doch inzwischen ist aus Bert wieder Lambert geworden und von Sindy hat er seit vielen Jahren nichts mehr gehört. Er fristet seine Tage in einem Vorort einer Stadt, die langsam zerfällt, und füllt seine Tage mit Spaziergängen. Die Geräusche, die ihm immer wichtig waren, lassen ihn langsam im Stich, sein Gehör lässt nach.

Einer seiner Wege führt ihn zunächst in seinen eigenen Keller, aus dem er eine alte, analoge Bandmaschine holt, seine DX-8. Dieses antike Gerät hat ihm lange Zeit gute Dienste geleistet, doch so wie er sich von seiner Vergangenheit lösen muss, scheint es auch an der Zeit zu sein, ein neues Zuhause für die DX-8 zu finden.

Während wir Bert bzw. Lambert begleiten, erfahren wir einiges aus seinem Leben. Wir sind dabei, als er zum ersten Mal auf die DX-8 trifft, als er Sindy kennenlernt und als er verwirrt mit der Maschine auf der Schubkarre durch eine einstmals vertraute Gegend irrt. Es ist eine teils tragische Geschichte, auch wenn sie in einigen Szenen eine gewisse Skurrilität und auch Komik offenbahrt.

Der Schreibstil ist eher ungewöhnlich, es gibt keine Dialoge, alles wird nur beschrieben. Die Sätze sind manches Mal fast poetisch, manchmal metaphorisch, zuweilen sperrig und oft verschachtelt.

„Während es ihm, der jene Unzertrennlichkeit bei seinem unangekündigtem Erscheinen in der elterlichen Wohnung ebenfalls gleich wiedererkannt zu haben meinte, in der Folge gar nicht so leicht fiel, die letzten Reste dessen, womit er doch angeblich schon die längste Zeit über abgeschlossen hatte, hinter sich zu lassen, schien es Sandip gar nicht abwarten zu können, endlich ausreichend Ballast abgeworfen zu haben, um – einer Raumkapsel vergleichbar, die sich Stufe um Stufe der für den Start unverzichtbaren Trägerrakete entledigt – die auf ihm lastende Atmosphäre zu verlassen.“ (Seite 126)

Diese Schreibweise ist der Hauptgrund, weshalb ich trotz der eher geringen Seitenanzahl relativ lange gebraucht habe, bis ich den Roman beendet hatte. Dies lag aber keineswegs daran, dass mir das Buch nicht gefallen hat oder es langweilig gewesen wäre. Vielmehr hat der Schreibstil es trotz seiner langen Wege geschafft, eine Art Sog für mich zu entwickeln und ich habe mich stets gefragt, wohin der Weg Lambert führen wird.

Insgesamt für mich ein Roman, der in keine Schublade passt, auf den man sich einlassen muss und der einem ab und zu auch ein wenig Durchhaltevermögen abverlangt. Doch genau aus diesem Grund ist „Der Charme der langen Wege“ ein Buch, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

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