Dienstag, 12. April 2022

Morgen kann kommen

 


ISBN : 9783805200936
Fester Einband : 368 Seiten
Verlag : ROWOHLT Wunderlich
Erscheinungsdatum : 12.04.2022
Genre : Roman
 
 
Werbung (gemäß §2 Nr.5 TMG)
Vorab Hinweis: Zwar wurde mir ein kostenloses Exemplar zur Verfügung gestellt, dies hat aber keinerlei Einfluss auf meine nachfolgende Meinung
 
 

Wie Phoenix aus der Asche

 

Beide Schwestern waren Opfer. Vielleicht konnten sie zusammen die Kraft finden, zurück auf die Bühne ihres eigenen Lebens zu treten.“ (S. 198)

 

Ruths Leben ist auf den Lügen ihres Mannes aufgebaut, die sie bisher nicht sehen konnte oder wollte. Sie hat schon immer lieber weg- als hingesehen, hat erduldet statt aufzubegehren, gegeben statt zu fordern und sich immer zurückgenommen. Jetzt findet sie ein Foto, dass ihr die ganze Wahrheit aufzeigt: „Mein Mann betrügt mich, ich bin in den Wechseljahren, habe kein Kind, ein derangiertes Selbstbewusstsein und garantiert nicht den Mut, neu anzufangen.“ (S. 187) Was soll sie jetzt machen? Gehen oder bleiben? Weiter wegsehen oder endlich Konsequenzen ziehen? Sie weiß nicht mehr weiter, steigt in ihr Auto und fährt nach Hamburg in die Villa ihrer Großeltern, die inzwischen ihrer Schwester Gloria gehört.

 

Die ist das genaue Gegenteil von Ruth, hat erst gegen den dominanten Vater und später alle anderen Männer revoltiert. Sie hat sich nie in ihr Leben reinreden lassen, gewährt jeder gefallenen oder geschundenen Seele Unterschlupf und kümmert sich um sie, wie sie es bis vor 15 Jahren für Ruth getan hat. Bis es zum großen Knall kam, bis ES passiert ist, bis der Kontakt zwischen ihnen abrupt endete. Gloria ist damals fast zerbrochen, dann aber mit Rudis Hilfe wie Phoenix aus der Asche wieder auferstanden. Wird Ruth das auch schaffen?

 

Rudi, der gute Sozi, ist einer von Glorias Untermietern – aber nur noch so lange, bis er alles in Ordnung gebracht hat, so wie schon sein ganzes Leben, nur bis zu seinem Tod, dessen Zeitpunkt er selbst bestimmen wird. Er ist ihr Anker und Ruhepol, stets höflich und hilfsbereit, aber unter seiner Oberfläche brodelt es.

 

Auch Glorias Freund Erdal ist bei ihr untergekrochen und schwänzt seine gebuchte Detox-Kur. Er kann und will nicht auf Nahrung, Alkohol oder Drama verzichten. Erdal ist König seiner Welt, von Mutti verwöhnt und verhätschelt, leidet er jetzt am Empty-Nest-Syndrom, denn seine und Karstens Söhne kommen langsam in die Pubertät und nabeln sich ab. Und obwohl sich sein Universum vorrangig um ihn dreht, sieht er trotzdem genau, was bei anderen falsch läuft und greift dann in seiner unnachahmlichen und direkten Art ein.

 

Ildikó von Kürthy hat es wieder geschafft, mich zum Lachen und Weinen zu bringen, zum Nachdenken und Träumen. „Morgen kann kommen“ hat mich sprachlos gemacht und erschüttert – aber gleichzeitig auch Hoffnung verbreitet. Es geht um Beziehungen zwischen Partnern und Geschwistern, um Kinder und Pubertiere, Mütter und Väter, Lebenslügen und Wahrheiten.

 

Beim Lesen habe ich mir die Frage gestellt, ob mir das gleiche wie Ruth hätte passieren können. Wie erkennt man einen manipulativen Partner, eine toxische Beziehung und wie kommt man dann möglichst unbeschadet raus? „Ich habe mich vor meinen Augen aufgelöst. Meine Konturen sind verschwommen, ich weiß nicht mehr, wo ich aufhören und wo er anfängt.“ (S. 134) Ab einer bestimmten Stelle hatte ich eine Vermutung, was ES war, und um so mehr taten mir die Schwestern leid, als diese sich dann bewahrheitet hat.

 

Ich liebe Ildikó von Kürthys Protagonisten (endlich wieder Erdal!) und ihren Erzählstil. Sie schreibt humorvoll und klar auf den Punkt und spricht unbequeme Wahrheiten aus: wie wir Frauen uns geben, was wir uns selbst antun oder antun lassen, nur weil wir denken, dass es erwartet wird oder den gesellschaftlichen Konventionen entspricht, oder um einfach unsere Ruhe zu haben. Sie zeigt wie in „Neuland“ und ihren Kolumnen auf, was für ein falsches Bild wir oft von uns haben und wie wir uns für unser Aussehen geißeln. 

 

Sie verdeutlicht aber auch, wie wichtig Familienbande und Freunde sind, auf die man sich verlassen kann, und dass man sich selbst (ver)trauen muss – und nie die Hoffnung verlieren sollte. Wie schon in „Es wird Zeit“ macht sie Mut für einen Neunanfang, für den es nie zu spät ist.

 

Ich schließe das Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge, viel zu schnell war es wieder ausgelesen, aber Ruths und Glorias berührende Geschichte wird noch lange in mir nachklingen.

 

5 Sterne und meine Leseempfehlung für dieses Highlight.


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