Dienstag, 14. April 2026

Unter Wasser


“Ich pflücke die größte Chilifrucht und zerquetsche sie zwischen Daumen und Zeigefinger, bis sie aufplatzt und die einzigen weißen Samen herausquellen. Dann stecke ich sie in den Mund, sauge sie langsam aus und reibe mir mit den saftverschmierten Fingerspitzen Lippen, Hals und Brust ein. Die Chilis erinnern mich an zu Hause.“ (Zitat aus dem Roman)


Mit diesem Zitat am Ende des ersten Abschnittes bin ich bereits mitten in der Geschichte, die im Oktober 2012 in New York beginnt und auf Ereignisse aus dem Dezember 2004 in Thailand zurückblickt.
Ich frage mich, warum sich Marissa so geißelt und welches Trauma sie mit sich herumträgt. Schnell wird klar, dass sich dieses Ereignis tief in ihr verankert ist, sie in Albträumen verfolgt und bis heute nicht loslässt.

Dabei begann alles fast märchenhaft. Marissa geht als Kind mit ihrem Vater nach Thailand und begegnet dort Arielle. Zwischen den beiden entsteht eine enge Freundschaft. Sie teilen ihre Welt, ihre Zeit und Arielle teilt sogar ihre Mutter mit ihr. Gemeinsam erkunden sie das Meer, tauchen immer tiefer und fühlen sich unter Wasser frei und unbeschwert. 

Nach und nach entfaltet sich Marissas Geschichte auf zwei Zeitebenen - zwischen diesem unbeschwerten Leben und der Gegenwart in New York. 
Die Landschaftsbeschreibungen haben mir sehr gut gefallen. Sie vermitteln ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit, besonders in den Szenen unter Wasser. 
Der Schreibstil ist atmosphärisch ruhig und passt gut zur emotionalen Tiefe des Romans. 
Dann kommt der Moment, der alles verändert: Die Natur zeigt ihre unbändige Kraft und wie machtlos wir ihr gegenüber sind. Ein einziger Augenblick zerreißt ein Leben. 

In der Gegenwart begegne ich einer Marissa, die genau daran zerbricht. Ihre Trauer ist greifbar, ihr Schmerz zieht sich durch jede Seite. Die Erinnerungen an Arielle verfolgen sie wie Wellen, die immer wieder zurückkehren. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mit ihr gemeinsam unter Wasser zu sein, nach Luft ringend, gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Als sich erneut eine Naturgewalt ankündigt, muss sich Marissa ihrer Angst stellen. In einer unsicheren Welt beginnt sie zu begreifen, was es heißt, weiterzuleben und wieder Halt zu finden.

„Unter Wasser“ ist für mich eine berührende Geschichte über die Schönheit und Unberechenbarkeit der Natur, über Freundschaft und Verlust – und über die Kraft, trotz allem weiterzugehen. Ein Buch, das mich bewegt hat und lange nachhallt.

Keine Kommentare: