Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Marie und Paul Magisch. Die beiden haben ihre gesamte Kindheit und Jugend miteinander verbracht und schienen eigentlich füreinander bestimmt. Dich das Leben hatte andere Pläne.
15 Jahre später lebt Marie wieder in ihrem alten Kinderzimmer, während Magisch in das Haus seiner verstorbenen Mutter zieht. Marie betreibt eine Hundetagesstätte, Magisch entsorgt illegal verstorbene Nutztiere. Und plötzlich verbringen die beiden einen fast schon magischen Sommer miteinander – so wie damals. Fast ohne Verpflichtungen, dafür mit viel Zeit, Sonne, Freiheit und kleinen Abenteuern.
Doch über allem liegt die Vergangenheit. Da ist Maries Bruder Andi, der schon früh zum Nazi geworden ist und Magisch damals beinahe totgeprügelt hat. An Andis Gesinnung hat sich bis heute nichts geändert und somit wird dieser Sommer nicht nur eine Reise zurück zu dem, was einmal war, sondern auch eine Auseinandersetzung mit alten und neuen Wunden.
Hasi: Patno, kannst du dich noch erinnern? Als wir Mike kennengelernt haben, hat er gesagt, dass er immer den ersten Satz eines Buches liest, denn der entscheidet für ihn, ob er weiterlesen möchte. Selten hat das auf ein Buch so gut gepasst wie auf den neuen Roman von Annika Büsing. Denn wer würde nach dem Satz „Tote Pferde kriegt man heute kaum noch los.“ nicht weiterlesen wollen? Genauso ehrlich, schonungslos und brutal wie dieser erste Satz ist auch das ganze Buch.
Patno: Ja, ich erinnere mich. Dieser erste Satz ist genial. Ich musste erst einmal schlucken und habe kurz nachgedacht, was sich hier für eine Geschichte offenbart. Als Nächstes hat mich der Schreibstil umgehauen. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ist provokant, ironisch witzig, manchmal auch ganz schön derb und doch steckt zwischen den Zeilen ganz viel Zärtlichkeit und Liebe. Das hat mich beeindruckt. Ich mochte das Unperfekte. Sie wirkt die Geschichte authentisch und aus dem Leben gegriffen.
Hasi: Mich auch. Und die vorsichtige Annäherung von Marie und Paul. Wie begegnet man sich nach so langer Zeit wieder, damit es sich nicht komisch anfühlt und keine alten Wunden aufreisst - was man natürlich trotz aller Vorsicht nicht vermeiden kann.
Interessant fand ich auch die Dynamik von Maries Familie, dass ihre Eltern der Meinung sind, dass Marie die Einzige ist, die Andi wieder in den Griff kriegen kann, dabei hasst sie ihn bis aufs Blut. Es fällt ihr schwer, den lieben kleinen Jungen ihrer Kindheit mit dem intelligenten Nazi von heute in Verbindung zu bringen - und er ist ja wirklich kein dummer Schläger, wie seine Kumpel. Ihre beste Freundin Kaja sagt an einer Stelle was ganz Schlaues: „… du vermisst ja nicht den Mann, der Magisch zusammengeschlagen hat, sondern den Jungen, mit dem du früher auf den Heuballen rumgeturnt bist.“ (S. 219)
Patno: Trotz Andis Gesinnung ist da eine Chemie zwischen Marie und ihrem Bruder, die durchblicken lässt, wie nahe sich die beiden stehen und als das Leben Andi einen Dämpfer verpasst hat, waren Marie und auch Magisch die Retter in der Not. Ich habe übrigens beim Lesen den Schauplatz der Handlung - diese ländliche Gegend - vor mir gesehen. Die Rückblicke haben mir sehr gefallen. Man versteht damit das Handeln der Personen im Jetzt besser. Die Thematik des Buches ist brandaktuell. Und da legt die Autorin auch immer wieder den Finger in die Wunde. Die Szene, wo die Nazis vor dem Flüchtlingsheim aufkreuzen fand ich beeindruckend geschrieben.
Hasi: Und erschreckend realistisch, genau so hat man es schon im Netz oder Fernsehen gesehen. Darum hat es mich auch so fasziniert, wie schnell in dem Dorf eine relativ große Gegendemo organisiert und die Angst gar nicht erst zugelassen wird.
Ich muss noch mal auf die Erzählperspektive eingehen. Marie schildert als Ich-Erzählerin alles aus ihrer Sicht und ich fand es wahnsinnig toll, dass man da auch bei ihren ganzen Gedankensprüngen und sie überrollenden Erinnerungen dabei ist. Das schafft eine Intensität, wie ich sie in letzter Zeit selten gelesen habe.
Patno: Über den kleinen Kriminalfall mittendrin haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sag nur Schafe und muss gestehen, dass ich mir hier schon geekelt habe. Annika Büsing ist aber da auch sehr direkt und es kam mir vor, als wehe mir ein Hauch von diesem Gestank um meine Nase. Was für ein aussergewöhnliches Buch. Ich habe irgendwie erst nach dem Lesen die Intensität dieser Geschichte gespürt. So eine Empfindung hatte ich auch noch nicht.
Magisch ist ein intensiver gesellschaftskritischer Roman, der uns mit seinem knackigen und schnörkellosen Erzählstil begeistert hat. Es geht neben der rechtsextremen Thematik vor allem auch um Familie, Trauer, Neuanfänge, das Landleben und die große Liebe.

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