Freitag, 25. Dezember 2015

Westermann und Fräulein Gabriele






  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 23.10.2015
  • Aktuelle Ausgabe : 23.10.2015
  • Verlag : dtv Verlagsgesellschaft
  • ISBN: 9783423260824
  • Flexibler Einband 352 Seiten 






Back to the Roots


Inhaltsangabe: Richard Westermann, IT-Vorstand mit einer Schwäche für Friedhöfe, verguckt sich bei der Beisetzung des Schriftstellers Höfer in dessen Schreibmaschine – kurz darauf zieht das Modell › Gabriele ‹ ein in sein Leben. Als man Westermann dann einen jungen Kollegen als ›Vorstand Data‹ vor die Nase setzt, holt er zum Gegenschlag aus. Er tauscht seinen Rechner gegen Gabriele. Sein betriebliches Umfeld hält das für ein Ablenkungsmanöver von seinem eigentlichen Auftrag: der Entwicklung einer ausspähsicheren Krypto-Box. Im Nu stellen Westermann und ›Gabriele‹ den Konzernalltag auf den Kopf. Während Westermann in die entschleunigte analoge Welt eintaucht, geht seine 80-jährige Mutter den umgekehrten Weg: online.

Obwohl ich das Buch an sich gut fand, ließ es sich schwer lesen. Mich störte der Wechsel zwischen der Langsamkeit (Westermanns Privatleben und wenn er an Gabriele schreibt) und der Stresssituationen in seiner Firma. Generelle fehlte mir einfach Spannung, aber ich denke, dass wollte die Autorin genau so erreichen. Dafür glänzt das Buch durch tiefgründigen, hintersinnigen Humor, Wortwitz und sehr intelligent Wortspiele („Such, Maschine“).

Vor allem die Personen haben mir sehr gut gefallen. Sie sind sehr lebendig und skurril und durch sie / von ihnen lebt der Roman.
Westermann ist Vorstand in einer IT-Firma und arbeitet gerade an einem Projekt, dass eine sicher Cloud für Benutzer entwickeln will, scheint aber selber an einer „Netzphobie“ zu leiden. Das geht so weit, dass er sich eine super-abschirmende Handytasche angeschafft hat und privat nie ins Netz geht. Als er bei einer Beerdigung eine Schreibmaschine entdeckt ist ihm sofort klar: das ist die Lösung für sein Problem.
Seine Mutter Yolande entdeckt hingegen mit 82 endlich das Internet für sich (was hat sie schon noch zu verlieren). Sie will endlich im Hier- und Jetzt ankommen und kämpft mit dem Computer im Allgemeinen und ihrem Internetanbieter im Besonderen. Sie versucht auch schon mal, WLan-Probleme mit Reiki zu lösen.
Westermanns Sohn Paul ist nicht der typische Jugendliche – er sammelt Geräusche, die langsam aus dem Alltag verschwinden und hat sogar eine Website dazu eingerichtet. Er ist von Gabrieles Handhabung ganz fasziniert: „Weißt Du, dass ist wie durch Schlamm zu stapfen beim Schreiben. Herrlich.
Als Westermanns erste Sekretärin kündigt, weil sie keine Schreibmaschinen-Seiten kopieren und austragen will („Sie tun ja gerade so, als hätte ich sie aufgefordert, mit einer Ladung Schriftrollen ins nächste Fürstentum zu reiten!“), kommt Erika ins Spiel - also eine echte Frau, keine Schreibmaschine. Sie ist noch vom alten Schlag und gibt ihm ganz schön Kontra, fordert und unterstütz ihn: „Für das gelebte Leben gibt es weder Korrekturband noch Escape-Taste ...“. Sie ist ein wunderbarer Gegenpart zu ihm, der von seiner eigenen Idee mehr oder weniger überholt wurde und sich der Konsequenzen immer erst hinterher bewusst wird.
Ein weiteres Unikat ist sein neuer junger Vorgesetzter. Er war natürlich lange beim Marktführer in Amerika, will alles umstrukturieren und predigt Open Space. Also schlägt Westermann ihn also mit seinen eigenen Waffen und verlegt die Meetings gemeinsamen auf eine Picknickdecke unter einen Baum. Er sagt ihm auch recht klar, was er von ihm hält: „LSD. Lesen, Schreiben, Denken. Sollten sie auch mal ausprobieren ...
Genial fand ich auch den Schreibmaschinenverkäufer. Ein Berliner Original mit Berliner Schnauze. „Gabriele“. „36 cm und 17 Kilo – Herzlichen Glückwunsch“.

Fazit: Ich kann das Buch nicht wirklich einordnen. Es war mir nicht fesselnd genug. Die Sprache und die Wortspiele und Sprüche fand ich aber sehr gut. Ein weiteres Highlight ist die immer wieder auftauchende Schreibmaschinenschrift.
3 Sterne