Dienstag, 11. September 2018

Einfach unfassbar - Neues aus Nian



Paul M. Belt

Einfach unfassbar
 


„Und Sie glauben tatsächlich, dass Sie damit durchkommen?“ Der Beamte hinter dem Schreibtisch mit den hochgezogenen Augenbrauen wirkte genervt. Hier in der Arealverwaltung kamen jeden Tag weitaus wichtigere Angelegenheiten auf den Tisch als dasjenige eines alten Bauern, der seine Felder von Sämlingen befreien lassen wollte.

„Hören Sie.“ Der stoppelbärtige Besucher in Karohemd und Arbeitshose mit der ledrigen, sonnengebräunten Haut stemmte einen Arm in seine Hüfte. „Wenn mir nicht bald geholfen wird, werden die ganzen kleinen Bäume bald höher stehen als das Getreide. Sie wissen genau, dass dann zum Fällen ein langes Genehmigungsverfahren nötig ist. Dafür haben meine Familie und ich keine Zeit, vorher geht uns der Hof kaputt! Kein Schnitter will unter einem Baum arbeiten!“

Oh ja. Der Verwaltungsangestellte im blütenweißen Hemd, eleganter, dunkler Stoffhose und polierten Lederschuhen kannte das Dritte Tokbergener Landgesetz genau. Öffentlichen Verkehrsraum baumfrei zu halten war darin ebenso selbstverständlich geregelt wie die Tatsache, dass Privatleute selbst dafür verantwortlich waren. Dieser Bursche hatte eben bloß Pech, dass auch einige junge Ferdans dabei waren. Und diese Baumart stand im Gebirgsland nun einmal unter besonderem Schutz, da biss der Feldhamster keinen Faden ab. Der Beamte unterdrückte ein Gähnen, reckte sich in seinem Stuhl und meinte: „Haben Sie es denn schon einmal mit einem schriftlichen Antrag an die Flurbehörde versucht?“

Der Bauer tat so, als ob er überlegte. „Hmmm … wenn ich so darüber nachdenke – ich glaube, das letzte Mal war das vierte. Oder doch das fünfte?“ Sein Gesicht lief langsam aber sicher rötlich an. Warum eigentlich wurden ihm von jedem neuen Gesicht in jeder neuen Dienststelle dieselben Fragen gestellt?

„Nun gut“, meinte der Beamte, nachdem er sich ausgiebig geräuspert hatte. „In dem Fall bliebe Ihnen immer noch die Möglichkeit, die Reiter um eine Sondergenehmigung zu bitten.“

 Nun reichte es dem Besucher. „Die Reiter, die Reiter!“, äffte er den Herrn hinter dem Schreibtisch nach. „Immer dieselbe Leier! Was glauben Sie denn, was die jedes Mal sagen, sobald ihnen klar wird, dass ich ein paar ihrer heiligen Bäume herausreißen will? Wenn ich für jede Fahrt zwischen meinem Hof und ihrer Loge eine Garbe Getreide bekäme, bräuchte ich das Feld nicht mehr zu bestellen!“

„Und nun glauben Sie also, dass Ihre Chancen mit einem derart absurden Anliegen besser stehen.“ Der Beamte erhob sich und ging langsam vor seinem Aktenregal auf und ab. Tausende, nein, Zehntausende Fälle von forstwirtschaftlichen und landrechtlichen Zuständigkeitsänderungen, bewilligte und abgelehnte, durchgeführte und verworfene, waren dort fein säuberlich sortiert in Reih und Glied abgelegt worden, Dekazyklen lange Aufzeichnungen solcher Vorgänge, nicht wenige davon hatte er selbst bearbeitet. Aber so etwas war ihm noch nicht untergekommen: Dieser schrullige und schmutzige Kerl glaubte tatsächlich, mit diesem Antrag, der obendrein auch noch handschriftlich verfasst war, die Zuständigkeit für seine Parzelle ins Areal Fluvingen verlegen zu können! Auf solch eine Idee musste man erst einmal kommen.

Der alte Bauer grinste schief. „Sie glauben wohl auch, dass wir Landmenschen ein wenig dumm und durchgerädert sind, wie?“ Er tippte sich mit seinem Finger an die Stirn. „Wissen Sie, mein mittlerer Sohn ist Advokat in der Großen Flussstadt und meine Tochter studiert Landrecht in Medriana. Wenn Sie sich die Mühe machten, das da“, er zeigte auf das Papier auf der Tischplatte, „einmal zu lesen, dann würden Sie feststellen, dass Sie gar keine andere Wahl haben, als es zu genehmigen, wenn Sie das Ansehen Ihrer Verwaltung bewahren wollen.“

Verächtlich warf der Beamte einen Blick auf das schmutzige Schriftstück. So ein einfacher Mensch, wollte er ihm etwa drohen? „Wenn Sie nicht mehr als die Hälfte der Anwohner Ihrer Gemeinde zu einer Unterschrift bewegen konnten, ist das da nicht das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde. Und so viele Unterschriften würden wohl kaum auf ein einzelnes Blatt passen.“

„Irrtum.“ Die Stimme des Bauern bekam nun einen triumphierenden Unterton. „Durch Ihre letzte Reform mit der Nummer V3RY-Unn 1c3 hat Ihre Behörde im letzten Frühjahr meinen Hof zusammen mit denen meiner beiden Nachbarn dem Randgebiet des Maininger Baumwaldes zugeschlagen. Aus bekannten Gründen lebt dort aber sonst niemand, wodurch meine Gemeinde nunmehr sehr klein geworden ist. Und den lieben Fritz zu überzeugen, meinen Antrag zu unterschreiben, war eine ebensolche Kleinigkeit. Genießen Sie also nun in Ruhe unsere Austrittserklärung mit Zweidrittelmehrheit aus dem Waldrandgebiet, zugleich Beitrittserklärung zum Gebiet Nördliches Garvonland des Areals Fluvingen. Das dort gültige Landrecht wird mir die Bäume vom Hals schaffen und meinen Hof retten. Ach ja, der Antrag ist vorn registriert, Sie haben laut Paragraph 151 Absatz 3 nun also zwei Wochen Zeit für die Umsetzung. Ich empfehle mich.“ Mit diesen Worten verließ er das Büro und knallte die Tür hinter sich zu.

Der Zurückgelassene empfand eine Mischung aus Ärger und Verwunderung, als er das Schriftstück zur Hand nahm. Nicht etwa, weil der Mann ein Schlupfloch in der Rechtsprechung gefunden hatte oder sich respektlos benommen hatte. Es durfte doch aber absolut nicht sein, dass ein derart gekleideter Ackerbursch sich so gewählt ausdrücken konnte.

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