Freitag, 24. Mai 2019

Interview mit Erik R. Andara




Lieber Erik, im Rahmen der Blogtourzu „Der unmögliche Mord“ habe ich „Der tiefe Schlaf“ gelesen und war sofort begeistert von Deiner Geschichte. Nun ist mit „Im Garten Numen“ endlich Dein erster Roman. Grund genug, um Dir mal ein wenig auf den Zahn zu fühlen und die ein oder andere Frage zu stellen.
Hallo Meike, es freut mich ja immer besonders, wenn ich neue Leser und Leserinnen von meinen Geschichten zu überzeugen weiß. Danke, dass Du mich heute aufgrund einer meiner Geschichten zum Gespräch eingeladen hast.


Mit welchen 5 Worten würdest Du Dich beschreiben?
Bücher, Bücher, Bücher, Comics und Hunde


Worum geht es „Im Garten Numen“?
„Im Garten Numen“  erzählt die Geschichte eines Vaters, der ins Waldviertel aufgebrochen ist –
das ist eine wenig erschlossene,  ländliche Gegend im Norden Österreichs – um nach seiner verschwundenen Tochter zu suche, diese war dort bis vor Kurzem nämlich in einer kirchlichen Therapieeinrichtung, zum Zwecke  des Drogenentzugs. Nun ist es aber so, dass der Vater selbst eine Vergangenheit als Junkie hinter sich hat, und zusätzlich von den Leuten im Dorf nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wird. Allgemein stellen sich die Familienbeziehungen zwischen  Vater, Tocher und der Exfrau von Simon Heymann – so heißt der Protagonist des Romans – bald schon als äußerst prekär heraus. Noch dazu scheint der örtliche Geistliche sein eigenes Spiel mit Simon zu spielen, und versucht ihn an eine Grenze zu bringen, die er schon seit Jahrzehnten hinter sich gelassen zu haben glaubte. Eine Grenze, die ihn bis heute nicht nur sprichwörtlich von der Finsternis geschützt hat. Es steht unterdessen ständig die große Frage im Raum, was jetzt wirklich mit Katharina, seiner Tochter, passiert ist. Er befürchtet schon bald, dass man sie in ebendieser Finsternis gefangen hält, und dass er der einzige ist, der sie von dort befreien kann. Um das zu tun, muss er sich allerdings in eine Welt begeben, die ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen droht.

Wie lange hat es von der ersten Idee zu bis zum fertigen Buch gedauert?
Haha, so gefragt wäre ich geneigt zu sagen: 14 Jahre. Also vor 14 Jahren habe ich meinen ersten Roman geschrieben, diesen danach euphorisch an dutzende Verlage geschickt, aber – heutzutage für mich sehr verständlich –  daraufhin nur ein, zwei abschlägige Antworten erhalten. Ich habe mich dadurch allerdings nicht entmutigen lassen und habe gleich im Anschluss den nächsten Roman geschrieben, allerdings mit genau demselben Ergebnis wie beim ersten. Seitdem habe ich insgesamt dreizehn Romanmanuskripte und dutzende Kurzgeschichten verfasst. De facto zu veröffentlichen habe ich allerdings erst voriges Jahr im Februar begonnen, mit meiner Geschichtensammlung „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“. Für mich ist es irgendwann im Verlaufe der letzten 14 Jahre wichtig geworden, eine gewisse Qualität und Routine beim Geschichtenerzählen zu gewinnen, ehe ich damit an die Öffentlichkeit trete. Im Herbst 2018 kam dann meine Novelle „Hinaus durch die zweite Tür“ heraus, und als beides – also sowohl Novelle und Geschichtensammlung – von LeserInnen, Literaturplattformen und BloggerInnen wirklich sehr gut angenommen und rezensiert wurde, war für mich klar, dass es jetzt an der Zeit ist, mir endlich den Traum vom Debütroman zu erfüllen. Und et voilà, hier ist er also. Die reine Schreibzeit hat etwa vier Monate in Anspruch genommen. Für mich gehört aber immer eine lange einleitende Phase an penibler Recherchearbeit, Ideensammlung und ein Einlesen in die Thematik dazu. Manche Geschichten trage ich daher jahrelang mit mir herum, bevor ich sie endlich zu Papier bringe. Anstoß dazu ist oft genug die gelungene Geschichte eines Autorenkollegen oder einer Autorenkollegin, die sich mit einer ähnlichen Thematik beschäftigt, und es dabei schafft, etwas in mir in Bewegung zu setzen, das mich meine eigene Geschichte letztlich zutage fördern lassen möchte. Ich hoffe, diese Antwort war jetzt nicht allzu vage.
Und um es auf keinen Fall zu vergessen: Ich habe an dieser Stelle dem White Train-Verlag aus Darmstadt, und dessen Betreiber Tobias Reckermann aufs Herzlichste dafür zu danken, dass sie mich so tatkräftig unterstützen. Ohne ihn und seine hehre Vision einer besseren Literaturlandschaft für die heimische Phantastik, wäre das alles für mich nicht möglich gewesen.

Da ich gestehen muss, dass ich immer noch nichts von ihm gelesen habe, habe ich in „Der tiefe Schlaf“ die Anspielung auf H.P. Lovecraft nicht erkannt. Dafür kennst Du seine Werke umso besser. Was fasziniert Dich an seinen Geschichten am meisten?
Also per se mag ich die Weird Fiction als Literaturgenre einfach so wahnsinnig gerne, weil sie für mich eine perfekte Amalgamierung zwischen hoher Literatur und Phantastik darstellt. Im amerikanischen Sprachraum spielen sich da ja aktuell ganz große Sachen ab, die kaum ihren Weg in die deutsche Übersetzung finden. Und das finde ich überaus schade, daher habe ich es mir in den Kopf gesetzt, diese Literaturgattung auch bei uns wieder einzubürgern, indem ich sie mit heimischen Geschichten, Kulissen und Tropen fülle. Es hat ja zu seiner Zeit sicher talentiertere Schriftsteller als H.P. Lovecraft gegeben, aber in einem Punkt machte ihm so schneller keiner was vor, nämlich darin, einen Mythos zu schaffen. Das, was er damals in all seiner sinnesübersteigenden Wahnsinnigkeit in seine Erzählungen eingeflochten, und die Großen Alten genannt hat, hat einfach die Zeit viel besser überstanden als so manches andere. Gleichzeitig bietet er viel Angriffsfläche, um über sein – heutzutage jedermann bekanntes  – Universum ganz eigene Interpretationen anzubringen. Das hat schon seinen eigenen Reiz. Es gibt ja von Suhrkamp diese wunderschönen H.C. Artmann-Übersetzungen, die ich Dir sehr ans Herz legen möchte. Auch wenn viele meinen, es wäre sprachlich eher eine Neuinterpretation als eine Übersetzung gewesen, finde ich persönlich diese Ausgaben immer noch am besten. Aber der FESTA-Verlag hat auch schöne, moderne Kompendien zu seinem Gesamtwerk aufliegen.

Ich habe bei Facebook eine Skizze von Dir für eine deiner Geschichten gesehen. Machst Du zu jeder Geschichte Skizzen?
Nein, nicht zu jeder, aber schon zu der einen oder anderen. Ich habe ja im Jahr 2000 eigentlich als Kunstmaler und Illustrator zu arbeiten begonnen, habe daneben auch das eine oder andere Independent-Comic gezeichnet und verlegt, und fühle mich dieser Kunstgattung heute noch sehr zugetan. Es ist nur seit einigen Jahren eben so, dass ich meine wahre Liebe in der Schriftstellerei gefunden habe, und alles an Zeit ins Verfassen von Geschichten stecke, weil mich das eben am glücklichsten macht. Daneben bleibt mir nur noch selten Zeit, um zu zeichnen und zu malen.


Hast Du einen Lieblingsort zum Schreiben?
 Physisch ja: an meinem Computer, am fixen Arbeitsplatz in der Wohnung, dabei meinen über alles geliebten Hund Melvin fest um die Beine gewickelt. Aber es ist schon so, dass ich auch gerne spazieren gehe, um zu schreiben. Ich sammle dann unterwegs Beobachtungen, lege mir dazu digitale Notizen am Handy an (heutzutage ein unentbehrliches Gerät für mich, weil es viele meiner Ideen für spätere Abrufung speichert) und feile geistig schon an bestimmten Formulierungen und Szenen, die ich dann später, wenn ich zuhause meine Finger tatsächlich auf die Tastatur lege, einfacherweise nur noch aus meinem Gedächtnis klauben muss.


Wer ist Dein Lieblingsheld und oder Bösewicht in der Literatur?
Oh, schwierige Frage, da gibt es so viele, das wird sich wahrscheinlich von Tag zu Tag ändern, wenn ich danach gefragt werde. Aber ich versuche, einfach einmal aus dem Bauch zu antworten:
Mein Lieblingsheld ist wahrscheinlich Logan Neunfinger aus Joe Abercrombies „Kriegsklingen“.
Und mein Lieblings-Bösewicht, hmmm, ich schätze Negan aus „The Walking Dead“, aber aus der Comic-Serie, nicht aus dem Fernsehen. Den im Fernsehen empfinde ich eigentlich nur als billigen Abklatsch von dem genialen Bösewicht der Comics.

Erinnerst Du Dich an Dein erstes selbstgelesenes Buch?
Ja, allerdings, es hat immer noch einen prominenten Platz in meinem Bücherregal. Ich habe schon lange vor dem Schulalter „Puckerl und Muckerl“ von Hilde Forster als erstes Buch gelesen.

Zum Abschluß:

Bungee-Jumping oder mit Haien tauchen?
Pfuh, Du machst es mir nicht leicht … mit den Haien tauchen.

Chips oder Schokolade?
Am liebsten beides abwechselnd, an manchen Tagen.

Der Schreibtisch: aufgeräumt oder chaotisch?
Aufgeräumt! Der Schreibtisch ist tatsächlich das einzige, das ich aufgeräumt bevorzuge.



Vielen Dank, lieber Erik, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast.
Ich habe zu danken, liebe Meike. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich mit Dir zu unterhalten.


Update 27.05.19:
Nun ist auch meine Rezension zu "Im Garten Numen" online. Schaut also gerne hier vorbei.

1 Kommentar:

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