Mittwoch, 29. Juli 2020

Zwei fremde Leben

Buchdetails:

Erscheinungsdatum: 24.07.2020

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

Seitenzahl: 400 Seiten

ISBN: 9783423262552

Genre: Roman








Im Jahr 1975 berichtete der Spiegel erstmals über Zwangsadoptionen in der DDR. Ein hochbrisantes Thema, das zu Spekulationen einlädt. Erst nach der Wende fand man Akten, die derartige Handlungen des einstigen SED-Staates bestätigten . 
Als Kind des Ostens erinnere ich mich, dass auch hier gelegentlich die Gerüchteküche brodelte und man sich erzählte, dass ein verdienter Stasioffizier plötzlich mit einem Kinderwagen gesichtet wurde, ohne dass man seine Frau je schwanger gesehen hätte. 

Ich war gespannt, wie Buchautor Frank Goldammer diese Thematik in seinem Roman „Zwei fremde Leben“ umgesetzt. 

Seine Geschichte beginnt im Jahr 1973, als der junge Polizist Thomas Rust seine schwangere Freundin Heike aufgrund von Komplikationen in die Dresdner Frauenklinik bringt. 
Rust begegnet dort einem jungen Mann, der wirkt, als sei er betrunken. Thomas spricht ihn an und erfährt, dass dessen Verlobte Ricarda eine Totgeburt erlitten hat. 
Wenig später beobachtet Rust einen verdächtig wirkenden Moskwitsch mit Berliner Kennzeichen und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. 

Ricarda Raspe sollte nach dem Wunsch ihres Vaters Medizin studieren. Ihre Schwangerschaft durchkreuzte seine Pläne. Er riet ihr zur Abtreibung. Aber Ricarda ist fest entschlossen, das Kind zu bekommen. Vertrauensvoll begibt sie sich in die Hände ihres Vaters, der als Arzt in der Frauenklinik tätig ist. Doch bei der Geburt kommt es zu Komplikationen. Es heißt, das kleine Mädchen sei tot zur Welt gekommen. Ricarda kann es nicht glauben, zumal sie ihr Kind nicht sehen durfte. Man hatte es bereits weggebracht. 
Ricarda verrennt sich in der These, dass ihr Kind noch lebt. Vieles deutet darauf hin. Sie hält es für möglich, dass der DDR-Staat ihr das Kind weggenommen hat. Verzweifelt begibt sie sich auf die Suche nach ihrer Tochter. 
Nach dem Mauerfall begegnet Ricarda der jungen Claudia Behling, die herausgefunden hat, dass sie adoptiert wurde. 
Ist es möglich , dass Claudia Ricardas Tochter ist? 

Schon nach wenigen gelesenen Seiten bin ich mittendrin, versetze mich gedanklich in Ricardas Gefühlswelt, spüre ihre Trauer und ihre Zweifel. Anderseits hoffe ich, dass Thomas Rust eine heiße Spur findet. Lebt Ricardas Kind? Wurde es eventuell in diesem Auto mit Berliner Kennzeichen weggebracht? Was hat Ricardas Vater mit der Sache zu tun? Viele Fragezeichen schwirren mir durch den Kopf. 
Dann lerne ich Claudia kennen. Ihr Lebenslauf berührt mich. Aufgewachsen als Tochter eines hochrangigen Funktionärs erfährt sie plötzlich, dass sie adoptiert wurde. Ihr Leben steht Kopf. Ich kann es gut verstehen, dass sie ihre Wurzeln finden möchte. 

Die Geschichte lässt mich nicht mehr los. Wow, ist das spannend geschrieben. Ich mag das Buch nicht mehr aus der Hand legen, will wissen, was die beiden Frauen verbindet. 
Mit viel Feingefühl für seine Charaktere erzählt Frank Goldammer aus unterschiedlichen Perspektiven, springt zwischen den Jahren hin und her und fängt dabei das Zeitgeschehen in der DDR beeindruckend ein. Sein Szenario wirkt realitätsnah. 
Nach fast 400 Seiten Rätselraten, mündet der Roman in einem spannenden Finale und überzeugt mit einem überraschenden Ende. 

Für mich gehören die Goldammer-Romane inzwischen zur Pflichtlektüre, wobei „Der Angstmann“ für mich lange das größte Lese-Highlight darstellte. Nun muss er sich Platz 1 mit „Zwei fremde Leben“ teilen. Lesen!!! 


1 Kommentar:

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