Sonntag, 9. Dezember 2018

Jahre aus Seide




ISBN : 9783746634418
Flexibler Einband : 576 Seiten
Verlag : Aufbau TB
Erscheinungsdatum : 07.12.2018
Genre : Historischer Roman


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Vorab Hinweis: Zwar wurde mir ein kostenloses Leseexemplar zur Verfügung gestellt, dies hat aber keinerlei Einfluss auf meine nachfolgende Meinung.




Sehr gelungener, fesselnder Auftakt zu einer neuen Trilogie

Deutschland, Anfang der 1930er Jahre: Ruth Meyer wächst in behüteten Verhältnissen auf. Ihr Vater Karl ist reisender Handelsvertreter für Schuhe und nur am Wochenende zu Hause, trotzdem ist die Familie von viel Liebe und Zusammenhalt geprägt. Die Meyers sind Juden, praktizieren ihren Glauben aber kaum noch, halten nur den Sabbat und die großen Feiertage, wie das Lichterfest (das jüdische Äquivalent zu Weihnachten), ein. Bei der Einweihungsfeier ihres neuen Hauses 1927 mit Familie und Freunden kommt heraus, dass sich Karls Schwager Berthold in Deutschland nicht mehr sicher fühlt und nach Palästina auswandern will. Noch steht er mit der Meinung allein da. „Ja, wir sind Juden – aber vor allem sind wir Deutsche.“ (S. 89)
In der Nachbarvilla lebt der Stofffabrikant Merländer. Mit der gleichaltrigen Tochter von dessen Haushälterin freundet sich Ruth schnell an. Sie bekommen von Merländer oft Stoffreste und Ruth lernt, daraus Puppenkleider, Täschchen etc. zu nähen. Dabei kann sie ihre Kreativität ausleben. Sie könnte sich sogar vorstellen, später in der Modebranche zu arbeiten. Aber ihre behütete Kindheit endet jäh, als Hitler Reichskanzler wird und Ruth vom Lyzeum fliegt – Juden sind ab sofort unerwünscht! Da ist Ruth gerade 14 und hat mit Kurt ihre erste große Liebe gefunden. Doch dessen Familie wartet wie so viel auf die Ausreise nach Amerika. Und dann kommt die Reichspogromnacht ...

Ich habe die Ostpreußen-Saga (DasLied der Störche, Die Jahre der Schwalben, Die Zeit der Kraniche) von Ulrike Renk verschlungen und war schon sehr gespannt auf dieses Buch, da es auf wahren Begebenheiten und Ruths Tagebüchern beruht.

Ulrike Renk hat es wieder geschafft, dass man von Beginn an mitten im Geschehen ist. Ich hatte das Gefühl, ein Teil von Ruths Familie zu sein oder zumindest ein stiller Beobachter.
Ruths Vater hatte es aus eigener Kraft weit gebracht, liebte seinen Beruf und seine Familie. Er wollte ihnen alles bieten, was möglich war. Ihre Mutter ging in ihrer Rolle als Hausherrin und Mutter richtig auf, wollte es besser machen als ihre eigene – immer sehr kühle und distanzierte Mutter. Martha war trotz Kindermädchen für ihre Töchter da. Außerdem sie hatte einen Blick fürs Ganze, half Anderen, denen es weniger gut ging. Obwohl sie nicht streng nach den jüdischen Traditionen leben, scheint Nächstenliebe, aufeinander Achtgeben und Schwächeren helfen tief in ihrem Glauben verwurzelt gewesen zu sein.
Mir gefiel, wie unbeschwert Kinder und Erwachsenen unterschiedlicher Konfessionen lange miteinander umgingen: „Wir leben in einer Gemeinschaft vieler Religionen – wir sollten uns alle respektieren.“ (S. 148)
Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten wächst die Angst und die Unsicherheit unter ihnen aber immer mehr. Die Autorin beschreibt sehr lebendig, dass sie die Ausgrenzung nicht verstehen – schließlich fühlen sie sich in erster Linie als Deutsche! Besonders erschreckend waren die Beschreibungen von auseinanderbrechenden Familien, weil nicht alle ihr Heimat verlassen wollten und die Ernüchterung, wenn die potentiellen Flüchtlinge aus gesundheitlichen Gründen abgewiesen wurden – ein Fakt, der mir bis dahin unbekannt war. Auch die hohe Arbeitslosenquote der USA nach 1929 und damit resultierende Unsicherheit der Einwanderer hatte ich verdrängt.
Sehr lebendig werden auch die Rückbesinnung der jüdischen Familie auf ihre Religion und Glaubensgemeinschaft geschildert – das gemeinsame Bangen und Hoffen auf bessere Zeiten und wie sich die Stimmung natürlich auch auf die Kinder überträgt, wie schnell diese erwachsen werden musste.
Ich hab zwar schon viele Bücher über diese Zeit gelesen, trotzdem haben mich die Schilderungen, wie sich die Repressalien gegen die Juden immer mehr verstärkten, wieder sehr mitgenommen.

Geschickt packt Ulrike Renk ihrer Leser und schürt mit dem Ende dieses Bandes die Neugier ihrer Leser so, dass man unbedingt wissen will, wie Ruths Geschichte und die ihrer Familie denn nun weitergeht – leider erscheint die Fortsetzung erst im Juni 2019.

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